Alles wird gut

Prognosen sind bekanntlich besonders schwierig, besagt ein oft bemühtes Bonmot, wenn sie die Zukunft betreffen. Sie sind gleichwohl beliebt, würde doch wohl jeder nur allzu gerne wissen, was ihn morgen erwartet. Das gilt natürlich auch für die Wirtschaft. Auf das Schwierige hat sich das 1998 gegründete Zukunftsinstitut spezialisiert. Jetzt legt es ein Update ihres Trendreports vor. „Y-Events – Die positiven Überraschungen unserer Zukunft“ heißt das Kompendium, das Hoffnung machen will.

Die Apokalypse hatte schon immer Konjunktur. Schon Sokrates ließ kein gutes Haar an der Jugend und ihren schlechten Manieren, die keinen Respekt mehr vor Autoritäten kannte und am liebsten im Luxus schwelgte. Auch im Mittelalter war der Untergang allgegenwärtig, Nostradamus sein berühmtester Prophet. Nietzsche ließ Gott sterben und Freud machte uns zu Knechten im eigenen Haus – von den kleinen Katastrophen der jüngeren Zeit wie Waldsterben, Klimawandel, Fukushima, Gammelfleisch oder exorbitanten Benzinpreisen einmal ganz zu schweigen. Und sei das alles nicht schon genug, geben sich die Massenmedien dem ehernen Gesetz hin, dass nur „bad news“ „good news“ sind. Je nach Standpunkt haben sich alle bisherigen Voraussagen glücklicherweise oder leider als Trugschlüsse entpuppt. Der Wald steht noch, die Erde dreht sich weiterhin. Die Deutschen sind zwar immer noch knausrig, wenn es um ihre Ernährung geht, stabilisieren aber durch ihren Konsum die Binnenkonjunktur. Die Jugend liebt es wie eh und je verdorben. Europa geht es insgesamt wieder besser und selbst der chronisch Kranke Europas, Deutschland, zeigt sich putzmunter, weshalb er schon wegen seiner kraftstrotzenden Potenz gescholten wird. Mit Simmel könnten wir also sagen: „Hurra, wir leben noch!“ Nur Gott scheint es inzwischen schwer zu haben, aber das dürfte weitestgehend an seinen Botschaftern liegen.

Gute Tage sind schwer zu ertragen
Die Zweifel am Fortschritt sind wohl so alt wie das Denken über den Fortschritt selbst. Gleichwohl gibt es ihn. Kein vernünftiger Mensch würde heute mehr Feuer, Wasser, Erde und Luft als die Grundelemente allen Seins angeben; stattdessen führen wir den Begriff „Quarks“ routiniert über die Lippen, auch wenn wir nicht ganz verstehen, was da im Innern der Materie vor sich geht. Dass die Lebenserwartung dank Wissenschaft und Medizintechnik ebenfalls rasant gestiegen ist, steht außer Zweifel wie die Auffassung, dass zwei mal zwei vier ist. Es gibt also Überzeugungen, die Konsens sind, aber nicht jede Überzeugung ist jedem Zweifel erhaben. Und doch hält sich der Zweifel in unserem Stammhirn so eisern fest wie eine Zecke im Fell unseres beliebtesten Kulturfolgers. Dass wir so sind, wie wir sind, hat einen einfachen Grund und er liegt in unserer Stammesgeschichte. Der homo sapiens musste, als er sich aufrichtete, immer mit dem Schlimmsten rechnen, um in seiner feindlichen Umwelt zu überleben. Genau dieses Verhaltensmuster legt er nach wie vor an den Tag, wenn er einen gewöhnlichen Supermarkt oder die Wühltische im Schlussverkauf stürmt: Morgen könnte ja alles vorbei sein! Oder, wie Matthias Horx es sagt: „Mit den Kontinuitäten der Zivilisation kommen wir hingegen nicht so zurecht.“ Man könnte es auch so formulieren: Nichts ist schwieriger zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen.

Zukunft ist machbar
Die Studie „Y-Events – Die positiven Überraschungen unserer Zukunft“ bürstet die gängigen Untergangsszenarien gegen den Strich, weil die Autoren, ganz dialektisch, ihr Augenmerk auf die in Krisen innewohnenden Chancen richten. Technischer Fortschritt oder „immer intelligentere Antworten“ sind aus ihrer Perspektive nicht Teil des Problems, sondern sie tragen zur positiven Veränderung bei. In neun Kapiteln gehen die Autoren der Frage nach, ob die Welt die desaströsen X-Events, benannt nach dem System- und Zukunftsforscher John Casti, nicht in positive Energie verwandelt. Sozusagen in Y-Events transformiert, die evolutionär das Leben auf unserem Planeten zum Besseren hin umformen. Ihr Fazit: Da geht noch was! Der Report zeigt eine Gesellschaftsordnung auf, deren Ansätze im Heute wurzeln, derzeit aber noch wenig Raum einnehmen. Dabei entwickeln die Autoren Szenarien, die hochspekulativ, mitunter amüsant, aber in einigen Kapiteln durchaus plausibel erscheinen – was, räumt das Autorenteam ein, immer auch eine Frage des Glaubens ist. So fällt die Klimakatastrophe aus, weil die erneuerbaren Energien weltweit den Durchbruch geschafft und die Menschen es gelernt haben, mit steigenden Meeresspiegeln zu leben. Unternehmen nehmen die CO2-Bilanzierung in ihr integriertes Managementsystem auf, wie sie sich überhaupt von der Maxime „immer mehr, immer schneller“ verabschieden, um dafür „qualitativ hochwertig“ zu produzieren. Die Produktion wandelt sich zu einer Kreislaufwirtschaft, die keinen Müll mehr kennt. Statt mit ungebremstem Bevölkerungswachstum plagt sich die Menschheit mit der Herausforderung einer Überalterung aller Gesellschaften. Schon heute zwingt diese Entwicklung Unternehmen zu einer „Orchestrierung von Generationen“ – ein Thema, das bereits im letzten Jahr die Agenda des 3. ORGATEC Symposiums bestimmte. Vor allem erlebt die Arbeitswelt einen radikalen Wandel. Das klassische duale Arbeitsmodell aus Privatleben und Beruf ist spätestens Ende dieses 21. Jahrhunderts Geschichte, Burnout als gesellschaftliches Problem passé. Aus Leistungsethik wird eine Ethik der Eigenverantwortung, bei der jeder „sinnhafte Arbeit am eigenen Selbst leistet“, weil „Wellbeing“ der vorherrschende Lebensentwurf ist. Ansätze zu einer solchen Gesellschaft sehen die Autoren bereits in der Work-Life-Balance-Bewegung der  Jahre seit 2000.

„Y-Events – Die positiven Überraschungen unserer Zukunft“ ist ein Gegenentwurf , mit dem 1972 der Club of Rome die Welt aufgerüttelt hatte. Nichts von dem, was als Menetekel an die Wand gemalt wurde, sei bis jetzt eingetreten. Überschwemmungen, Dürren, Stürme und Erdbeben gehören zwar zur Menschheitsgeschichte, dürfen aber den Blick nicht dafür trüben, dass der Mensch jede Krise für sich genutzt hat.  Mehr noch. Krisen würden Kooperation, Kommunikation und Innovation befördern. Europa sei das beste Beispiel dafür, dass Lernen und Kooperieren auch im hohen Alter noch möglich ist. Der Trend-Report 2014 ist 140 Seiten stark, kostet 125,00 Euro zzgl. 7 Prozent MwSt. und ist beim Zukunftsinstitut zu beziehen.