An der elektronischen Leine

Werden wir in Zukunft alle als digitale Tagelöhner arbeiten und wie wird die zunehmende Vernetzung unser Leben ändern? BWL-Professor Arnold Picot untersucht, wie sich die Digitalisierung auf die Arbeitswelt auswirkt.

Herr Picot, was bedeutet die Digitalisierung für unsere Arbeit?
Picot: Die technologische Entwicklung hat zu einer enormen Leistungssteigerung der Hilfsmittel geführt, die man für die Arbeit braucht, und zu einer zunehmenden Vernetzung. Die Geräte werden immer leichter und kleiner. Das eröffnet enorme Flexibilitätspotenziale und Freiheitsgrade. Wir können heute den Ort der Arbeit freier wählen, weil wir unsere Arbeitsumgebung überallhin mitnehmen können. Die Arbeit kommt damit verstärkt zu den Menschen und nicht mehr umgekehrt. Die Wirtschaft insgesamt hat sich dematerialisiert, das heißt Produkte und Dienstleistungen sind vermehrt digitalisiert und die Wertschöpfung findet immer stärker in virtuellen Zusammenhängen statt. Das heißt auch: Firmen können ihre Standorte nach ganz anderen Kriterien wählen als bislang. Die Autoindustrie kann ihre Software zum Beispiel aus jedem beliebigen Land der Welt beziehen – ebenso wie einen großen Teil der Fachkräfte.

Was heißt das für die Arbeitsorganisation?
Durch die digitalen Medien ist es auch einfacher geworden, freie Mitarbeiter in Arbeitsprozesse einzubeziehen, selbst wenn komplexe Daten zu bearbeiten sind. Daher wird es mehr Freelancer geben. Das liegt auch daran, dass sich Arbeitsinhalte häufig ändern und Unternehmen nicht wissen, welche Kompetenzen sie morgen brauchen. Sie greifen lieber je nach Bedarf auf Fachkräfte zurück, statt diese durchgehend für den Fall der Fälle anzustellen. Mit dieser Flexibilisierung der Belegschaft überträgt sich damit aber auch ein Teil des Geschäftsrisikos auf die freien Mitarbeiter.

Und die können dann von überallher zuarbeiten?
Durch die weltweite Vernetzung und Virtualisierung vieler Tätigkeiten senken sich die Eintrittsbarrieren zum Arbeitsmarkt. Damit haben wir heute in vielen Bereichen einen nahezu globalen Arbeitsmarkt. Bewerber aus Indonesien und Oberbayern konkurrieren um denselben Auftrag. Über Crowdworking-Plattformen im Internet werden weltweit Aufträge an Freelancer vermittelt. Es gibt inzwischen hunderttausende, wenn nicht Millionen von Menschen, die so Arbeit finden – wenn sie womöglich auch nicht immer ihren Lebensunterhalt damit bestreiten, sondern das als Zuverdienst nutzen. Manche sehen darin eine Entwicklung zurück in den Taylorismus, die hoch arbeitsteilige Welt. Das stimmt teilweise; so genannte Crowdworker übernehmen arbeitsteilige Aufgaben, die Maschinen nicht leisten können.

Welche Tätigkeiten sind das?
Die Arbeitswelt polarisiert sich. Es gibt eine ganze Reihe von kognitiv sehr anspruchsvollen Tätigkeiten, die dem Menschen vorbehalten sind. Dort, wo sehr schwierige planbare Aufgaben zu erledigen, Erfahrung, assoziatives Denken und soziale Interaktion nötig sind, wird Automatisierung kaum möglich sein. Das gilt auch für einige manuelle Arbeiten, die kaum im Detail planbar sind, etwa im Kunsthandwerk oder bei häuslichen Dienstleistungen. Gefährdet sind all jene Berufe, zu denen sehr routinemäßige Tätigkeiten gehören, wie etwas sortieren, suchen oder berechnen. Es gab schon in den 1970er-Jahren die Sorge, dass Arbeit überflüssig wird. Es ist sehr schwierig, die Gesamteffekte der Digitalisierung zu erfassen. Mit Blick auf die Geschichte ist durch die technische Entwicklung wohl eher mehr als weniger Arbeit entstanden. Einerseits entlastet die Technik den Menschen, aber andererseits entstehen neue Arbeitsprozesse und Dienstleistungen. Niemand hätte vor 20 Jahren die Bedeutung von Social Media vorhergesagt und heute steckt dahinter eine ganze Industrie. Die Digitalisierung wird neue Räume und damit auch Tätigkeitsfelder eröffnen, an die wir heute nicht denken können.

Was bedeutet das für die Unternehmen?
Sie müssen sich auf die Änderungen durch die Digitalisierung einstellen und rechtzeitig überlegen, wie sich ihr Geschäftsmodell und ihr Produkt durch Digitalisierung wandelt. Zum Beispiel wird es in wenigen Jahren wahrscheinlich keine physischen Schlüssel mehr geben, wir werden unsere Türen elektronisch öffnen und schließen, vielleicht mit Chipkarten oder mithilfe biometrischer Daten wie Fingerabdrücke. Das Herstellen von Schlüsseln, was früher eine rein mechanische Sache war, wird auf einmal ein Thema der Software und Vernetzung. Das erfordert ganz neue Kompetenzen und es ist eine riesige Herausforderung, das zu erkennen und darauf zu reagieren. Das gilt für viele Branchen, die bislang gut etabliert schienen. In einigen Bereichen hat Deutschland leider schon den Anschluss verloren, etwa bei der Computertechnik.

Welche Implikationen hat das für die Berufsausbildung?
Die Qualifikationen, die man benötigt, ändern sich sehr stark. Es kommt darauf an, den Auszubildenden Fähigkeiten zu vermitteln, die nicht so einfach automatisiert werden können, wie Koordination, Projektmanagement und kommunikative Skills. Es kann nicht sein, dass junge Leute heute für Tätigkeiten ausgebildet werden, die es morgen nicht mehr gibt. Die Leistung von Rechnern und die Möglichkeiten der Übertragung sowie Speicherung von Daten wird sich weiterhin exponentiell steigern. Die technologischen Sprünge, die jetzt stattfinden, sind wesentlich gravierender als die, die wir vor 20 Jahren erlebt haben. Dadurch ergeben sich auch ständig neue Anwendungsmöglichkeiten und Unterstützungspotenziale, die zukünftig eine noch schnellere Anpassung der Bildungsinhalte erfordern könnten.

Wie wird sich dadurch das Verhältnis von Arbeit und Privatleben verändern? Schon heute fällt es vielen schwer, nicht auch noch abends zuhause die Job-E-Mails zu lesen.
Die Trennung von Arbeit und Nichtarbeit ist eine relativ junge Erfindung. Sie ist im 18. Jahrhundert mit den Manufakturen entstanden. Damals hat sich die Vorstellung durchgesetzt, dass Arbeit damit verbunden ist, in ein Büro oder in eine Fabrik zu gehen. Zuvor waren produktive und nicht produktive Tätigkeiten viel stärker verwoben, beispielsweise in der Landwirtschaft. Wir müssen die Situation, dass Arbeiten und Nichtarbeiten nah beieinander sind, beherrschen lernen. Das funktioniert nicht dadurch, dass man den Mitarbeitern verbietet, sonntags geschäftliche E-Mails zu schreiben. Die Möglichkeit, Arbeitsprozesse selbst zu bestimmen, wird zunehmen und wird den Beschäftigten auch zugestanden werden müssen. Es ist ja nicht so, dass dadurch weniger gearbeitet wird. Im Gegenteil: Heute arbeiten alle unterwegs, im Zug oder am Flughafen. Da ist ein hohes Maß an Autonomie und Individualität dabei. Es gibt auch Studien, die zeigen, dass viele Menschen diese Freiheit und Selbstständigkeit durchaus wünschen und als wesentliches Element ihrer Lebensgestaltung sehen.

Ständig erreichbar zu sein und von überall arbeiten zu können, stresst aber auch viele.
Wir müssen lernen, uns Freiheitsgrade zu nehmen und Methoden zu entwickeln, wirklich Dringendes zu erkennen. Das haben wir auch beim Telefon gelernt. Früher ist man hingerannt, um ja nichts zu verpassen. Heute gibt es einen Anrufbeantworter und viele sind nur dann erreichbar, wenn sie es möchten. Das wird mit der neuen Technik auch passieren. Es ist Frage des Lernens und möglicherweise auch eine Generationenfrage.

Dabei setzt die so genannte Generation Y, also die ab etwa 1980 Geborenen, ja angeblich auf Sicherheit und Zeit für die Familie.
Die Generation Y ist eine Schimäre. Das trifft vielleicht auf junge Menschen zu, die in Berufsfeldern tätig sind, wo sie stark nachgefragt werden, etwa in der Wirtschaftsprüfung und großen Anwaltskanzleien. Aber ein großer Teil der jungen Berufstätigen, die auch gut ausgebildet sind, arbeitet prekär. In Medienberufen etwa sind immer mehr als Freelancer tätig und müssen sich mit den unsicheren Arbeitsbedingungen zurechtfinden.

Was bedeutet das für die Sozialversicherung, wenn es immer mehr Freelancer gibt?
Die Hoffnung, dass man das Rentensystem aus klassischen Angestelltenverhältnissen finanzieren kann, ist trügerisch, mal abgesehen vom demografischen Wandel. Es wird nicht genügend Angestellte geben, die einzahlen. Da sind andere Länder schon viel weiter, etwa die Schweiz, wo auf alle Einkünfte Sozialabgaben erhoben werden. In Deutschland müssen sich Freelancer noch freiwillig selbst versichern und für ihr Alter vorsorgen. Das wirft auch die Frage nach Mindestlöhnen auf, damit nicht ein Heer digitaler Tagelöhner entsteht.

Muss unsere Gesellschaft neue Regeln für die Folgen des technologischen Wandels finden?
Jede Phase der Entwicklung der Arbeitswelt braucht eigene Spielregeln. So wie das Zeitalter der Fabriken und Büros die Regeln der Arbeitssicherheit und Tarifverträge hat, braucht auch die Zeit, die auf uns zukommt, ihre Regeln. Zum Beispiel führen die technologischen Möglichkeiten zu einer zunehmenden Transparenz, die Überwachung möglich macht. Potenziell ist jeder Bildschirmarbeiter an der elektronischen Leine und kann kontrolliert werden, wo, wann und wieviel er arbeitet. Das wird bei manchen Crowdworking-Plattformen bereits gemacht.

Die Welt, die vor uns liegt, scheint allein wegen der von Ihnen beschriebenen technologischen Entwicklungen anders als heute. Sollten wir froh oder mit Sorge in die Zukunft schauen?
Wenn man in die Geschichte blickt, haben alle technischen Erfindungen dem Menschen letztlich geholfen und seinen Aktionsradius erweitert. Es sind ja auch vom Menschen geschaffene Hilfsmittel und kulturelle Entwicklungen, und keine dritte Kraft von außen. Oft werden entweder die Chancen oder die Risiken gesehen. Dabei ist es ein Wechselspiel. Wir werden diese Entwicklungen nicht aufhalten können, aber wir sollten sie gestalten.

Professor Arnold Picot leitet die Forschungsstelle für Information, Organisation und Management an der Fakultät für Betriebswirtschaft der LMU in München. Für den IT-Gipfel der Bundesregierung im Oktober 2014 verfasste er das Papier „Arbeit in der digitalen Welt“. Picot sieht große Chancen in der Digitalisierung, auch für die Industrie. Voraussetzungen seien aber strukturelle Veränderungen, vor allem in den Bereichen Bildung und sozialer Sicherungssysteme, um „eine positive Gestaltung und Anreicherung des Arbeitslebens sowie die neuartigen Optionen für den Zugang zu Arbeit und neuartigen Berufsfeldern“ zu garantieren.

Mit freundlicher Genehmigung der LMU München. Das Interview führte Nicola Holzapfel, Forschung aktuell
Eine Zusammenfassung der Ergebnisse der AG 1-Projektgruppe anlässlich der IT-Gipfelprozesse 2013 und 2014 finden Sie hier: http://www.it-gipfel.de/IT-Gipfel/Navigation/mediathek,did=667052.html