Arbeitsumgebung essenziell wichtig

Der Verband Büro-, Sitz- und Objektmöbel e.V. (bso) muss sich mitunter fühlen wie ein Rufer in der Wüste. Seit Jahren hebt er die positiven Wirkungen der Büroeinrichtung auf die Leistungsfähigkeit von Büroangestellten hervor – allein vielen Arbeitgebern fehlt der Glaube. Schützenhilfe erhält der Verband jetzt vom „Human Spaces Report“. Unter den am häufigsten genannten Elementen, die in eine moderne Arbeitswelt integriert werden sollten, zählt u.a. eine ruhige Arbeitsumgebung – ein zentrales Thema im Zeitalter von „Open Space“.

Motivierte Mitarbeiter, schreibt die Ende Oktober erschienene Global Workforce Study 2014, würden nachweislich für einen besseren Geschäftserfolg sorgen, weshalb es für Unternehmen wichtiger denn je sei, sich mit den potenziellen Einflussfaktoren für Motivation und Engagement auseinanderzusetzen. Das dürfte Wasser auf die Mühlen des bso sein. Aber was motiviert, was hält Arbeitnehmer bei der Stange? Deutsche – und zwar aller Altersklassen! – lieben in erster Linie die Sicherheit des Arbeitsplatzes, gefolgt von Gehalt und einer herausfordernden Tätigkeit. Papa Staat lässt grüßen, der laut einer EY Studentenbefragung selbst bei der Generation Y als Arbeitgeber wieder hoch im Kurs steht. Mit ihrem Verlangen nach Sicherheit liegen die Deutschen jedenfalls europaweit an der Spitze. Doch Engagement und Motivation würden nicht allein von diesen drei Faktoren beeinflusst, betont die Global Workforce Studie auch. Arbeitnehmer verlangen heute entsprechende Arbeitsmittel sowie ein Arbeitsumfeld, das sie physisch, emotional und sozial unterstützt. Doch wie kann ein solch stimulierendes Arbeitsumfeld aussehen?

Was braucht und will der Mensch?
Karl Kraus reichte noch Asphalt, Straßenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung, und Warmwasserleitung, um halbwegs kommod und zufrieden zu leben. Gemütlich, so der große österreichische Schriftsteller, sei er ja schließlich selber und Wien zudem eine Stadt, in der alles 50 Jahre später passiere als im Rest der Welt – was unschätzbare Vorteile böte, falls sie einmal untergehen sollte. Unglücklicherweise kann Wien nicht überall sein, weshalb die Welt auch permanent gerettet werden muss: vor dem Ozonloch, der Rodung des Regenwaldes und der Umweltverschmutzung, steigendem Meeresspiegel, dem Bevölkerungswachstum und der Ausbeutung der endlichen Ressourcen. Und sieht man einmal von Woody Allen ab, dessen größte Sorge es seit eh und je ist, wie weit das Jenseits vom Stadtzentrum entfernt ist und ob man dort eine 20 Dollar-Note wechseln kann, dürften die meisten Menschen das Bedürfnis verspüren, im Einklang mit der Natur zu leben, um physisch und psychisch aufzutanken. Nicht ohne Grund liegen deshalb Urban Gardening, Schrebergärten, Wandern und selbst Vertikalbegrünungen im Büro seit geraumer Zeit im Trend. Inzwischen wachsen sogar Hochhäuser als vertikaler Wald empor, wie unlängst in Mailand passiert. Und weil nun einmal richtiges Handeln nicht nur eine Sache jedes Einzelnen ist, haben sich auch zahlreiche Unternehmen aufgemacht, „grün“ zu werden und nachhaltiges Wirtschaften in den Mittelpunkt ihrer Unternehmensstrategie zu stellen. Oder sie wünschen sich gleich ein neues Industriemodell, das höhere Gewinne bei mehr Beschäftigung und weniger Umweltbelastung verspricht. Dazu zählt das weltweit im Design und Herstellung von modularem Bodenbelag führende Unternehmen Interface.

Mit Mutter Natur verbunden sein
Das Vorhaben von Interface klingt ambitioniert. Das Unternehmen, das 1973 gegründet wurde und seit Mitte der Neunziger Jahre eine ökologische Kehrtwende vollzog, will bis 2020 das weltweit erste vollständig nachhaltige Unternehmen sein. Dabei setzt Interface vor allem auf Biophilic Design, um „optimale Räume“ zu schaffen, die Natur in den persönlichen Lebensraum oder Arbeitsumgebung integriert, wie es in der Jury-Begründung des MaterialPREIS 2013 für die Kollektion „Urban Retreat“ hieß. Im Einklang mit der Natur zu leben, ist für das Unternehmen gleichsam eine anthropologische Konstante, denn die Liebe zur Natur sei dem Menschen angeboren und wissenschaftliche Studien hätten längst die Effektivität von Biophilic Design in Büroumgebungen bewiesen. Ganz ähnlich sieht man es im New Yorker Beratungsbüro TerrapinBrightGreen, das auch im Interface Eco Dream Team sitzt. „Biophilic design“, heißt es aus Big Apple, „kann Stress reduzieren, die Kreativität und Klarheit der Gedanken steigern, das Wohlgefühl und die Selbstheilungskräfte verbessern.“

Mehr als nur ein „Hygienefaktor“
Zu diesem Ergebnis kommt jetzt auch der Human Spaces Report, der unter der Leitung des Organisationspsychologen Professor Cary Cooper entstanden ist. 3.600 Berufstätige aus acht Ländern wurden zum Nutzen von Biophilic Design und dessen positiver Auswirkung auf Wohlbefinden und Produktivität befragt. Die Studie zeigt auf, dass Büroangestellte, die in einer Arbeitsumgebung mit natürlichen Elementen tätig sind, sich um 13 Prozent wohler fühlen und um acht Prozent produktiver arbeiten, als ihre Kollegen, bei denen das nicht der Fall ist. Ein weiteres Ergebnis ist, dass sich 40 Prozent der Büroangestellten am produktivsten einschätzen, wenn sie im Einzelbüro arbeiten, während sich 31 Prozent am leistungsfähigsten bezeichnen, wenn sie im Großraumbüro tätig sind. Flexible Arbeitsplätze sind wider Erwarten unpopulär, denn nur 11 Prozent der Befragten wählen ihren Arbeitsplatz entsprechend der individuellen Tagesanforderungen flexibel aus. Die am häufigsten genannten natürlichen Elemente, die in moderne Arbeitswelten integriert werden sollten, sind laut Human Spaces Report „Natürliches Tageslicht“, „Ruhige Arbeitsumgebung“, „Blick aufs Wasser“, „Echte Grünpflanzen“ und „Kräftige/bunte Farben“. Studienleiter Cary Cooper kritisiert denn auch die bis dato oft eindimensionale Sicht von Unternehmen, die die Arbeitsumgebung lediglich als „Hygienefaktor“ betrachten, aber nicht als essenziellen Faktor für Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit. „Der Human Spaces Report“, sagt der Organisationspsychologe, „illustriert eindrucksvoll den Einfluss des Arbeitsplatzes auf die Produktivität der Mitarbeiter. Es ist kein Zufall, dass besonders fortschrittliche Unternehmen heute eine neue Sicht auf die Gestaltung von Arbeitsplätzen haben und Umgebungen schaffen, die Mitarbeiter dazu anregen, sich zu entfalten, zusammenzuarbeiten und kreativ zu sein.“ Wie es aussieht, steht der bso nicht mehr ganz allein in der Wüste.

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