Bald auch Büromöbel aus dem Drucker?

Werden wir alle zu Designern, die am Computer ihre eigenen Produkte entwerfen? Dreidimensionales Drucken verändert das Gesicht vieler Wirtschaftszweige. Das prophezeien jedenfalls Experten, die mit der additiven Fertigung die nächste industrielle Revolution auf uns zu rollen sehen. Von Schmuck und Brillen über Lebensmittel und personalisierte Korsetts bis hin zu Hüftprothesen und Designobjekten – alles scheint mit den neuen Mikrofabriken möglich. In Amsterdam und im bayerischen Friedberg entstanden jetzt die ersten Häuser aus dem Drucker.

Berlin hatte mal wieder die Nase vorn. Die Stadt gilt ja ohnehin als Mekka der Kreativen und Zentrum der Startup-Szene. Ein solcher „Hotspot“ fehlte allerdings noch. Ende November eröffnete Deutschlands erster 3D-Shop am Moritzplatz in Kreuzberg seine Pforten. „botspot“, so der Name der Berliner Firma, bietet seinen Kunden an, einen Doppelgänger von sich selbst oder Alltagsgegenstände und selbst entworfene 3D-Designs auszudrucken. Das Spektrum reicht von scheinbar lebendigen Figuren über Smartphone-Hüllen bis hin zu Architekturmodellen. Vor allem 3D-Kopien von der eigenen Person scheinen der Renner zu sein. Manfred Ostermeier, botspot-Geschäftsführer, glaubt, dass die 3D-Drucktechnik sowohl dem Normalverbraucher als auch Menschen, die im kreativen oder wissenschaftlichen Bereich arbeiten, völlig neue Möglichkeiten bietet.

Chancen für die Umwelt
Die Technologie des 3D-Druckens, also das schichtweise Zusammenfügen von Materialien wie flüssigem Kunststoff, Metall und Keramik zu dreidimensionalen Produkten, ist zwar bei der Entwicklung von Prototypen seit Jahren im Einsatz, erlebt aber gegenwärtig einen medialen Hype. Über die Webseiten wie Thingiverse und Shapeways können 3D-Produkte hergestellt, ge- und verkauft beziehungsweise Exponate über die zur Verfügung gestellte Software direkt ausgedruckt werden. Das Freiburger Öko-Institut für angewandte Ökologie sieht darin sogar Chancen für die Umwelt, weil Produkte, die per 3D-Druck hergestellt werden, in der Herstellung Ressourcen sparen sowie Lagerhaltung, Transportkosten und Verpackungen reduzieren – vorausgesetzt, der Konsument druckt nicht permanent neue Varianten aus. Allerdings entstünden bei der Entsorgung der Produkte hohe Anforderungen an das Recycling, insbesondere für komplexere 3D-Produkte, die verschiedene Materialien verbinden.

Voll im Trend
Der Trend zu 3D-Druck dürfte allerdings kaum überraschen. Die Technik greift einen gesamtgesellschaftlichen Trend zu Customizing auf, das heißt der Herstellung von individuellen Produkten in immer kleineren Stückzahlen. Das sieht man auch an der Universität Würzburg so, wo Wirtschaftswissenschaftler unter der Leitung von Frédéric Thiesse, Professor für Wirtschaftsinformatik und Systementwicklung, das Potenzial des 3D-Drucks analysiert haben. „Vor allem aber passt die Technik zu dem Trend, dass viele Kunden gewisse Dinge nicht einfach nur konsumieren, sondern an deren Entstehung mitwirken wollen, damit sie am Ende ein möglichst individuelles Produkt besitzen“, sagt der Würzburger Wirtschaftsprofessor, der sich am Lehrstuhl „Center for Digital Fabrication“ seit zehn Jahren mit dem Thema beschäftigt. Vielversprechend sei die Technik zum Beispiel, glaubt  Thiesse, für die Anfertigung von Ersatzteilen, wenn etwa Techniker beim Kunden Maschinen warten und mit einem mobilen Drucker und im Internet vorgehaltenen Druckdaten vor Ort Ersatzteile ausdrucken. Auch wenn der Hightech-Verband BITKOM glaubt, dass 3D-Drucker „unsere Wirtschaft nachhaltig verändern“ werden und sich jeder fünfte Bundesbürger vorstellen kann, einen 3D-Drucker zu nutzen, an eine industrielle Revolution glaubt Thiesse nicht. „Vielleicht stehen die Drucker künftig in den Baumärkten,“ lautet sein Fazit, „so dass die Kunden sich dort bestimmte Objekte selber herstellen können – ähnlich wie die allgegenwärtige Farbmischmaschine.“

Die Revolution fällt aus
Dass 3D-Druck mehr kann und ist, als nur eine bessere Farbmischmaschine oder ein Vehikel, um Dessous, personalisierte Korsetts, Hüftprothesen oder Lebensmittel auszudrucken, zeigen die Projekte des niederländischen Architekturbüros DUS und das FutureLAB of Architecture. Am 15. Mai präsentiert der niederländische Designer Joris van Tubergen ein weltweit einmaliges Projekt – den Bau eines kompletten Wohnhauses via 3D-Druck, das selbst Barack Obama während seiner Stippvisite in Holland anlockte. „Das 3D-Druck-Haus ist gleichermaßen Ausstellung, Experimentierfeld und Baustelle“, sagt Joris van Tubergen. Mithilfe eines schiffscontainergroßen 3D-Druckers, dem 3,5 Meter hohen, sogenannten  KamerMakerXL wurden einzelne bis zu 180 Kilogramm schwere Blöcke ausgedruckt, um anschließend nach dem Lego-Prinzip zu einem Haus zusammengefügt zu werden. Das Baumaterial besteht zu 80 Prozent aus biologisch nachwachsendem Rohstoff. Seit Anfang März 2014 ist das 3D-Haus auch für die Öffentlichkeit begehbar. FutureLAB of Architecture, eine gemeinnützige interdisziplinäre Forschungseinrichtung an der UCLA (University of California, Los Angeles) und der HUD (Universität of Huddersfield in Großbritannien), entwickelte unter Leitung von Professor Peter Ebner ein Mikro-Appartement, das von Voxeljet, Friedberg, ausgedruckt wurde. Die Wohneinheit ist zwar auf das Nötigste reduziert und bietet mit rund drei Metern Höhe auch nur wenig Fläche, aber das Objekt stellt eine konzeptionell vollständig durchdachte Einheit mit Küche, Toilette, Bett, Regal dar. Alles wird in einem einzigen Druckvorgang Schicht für Schicht aufgebaut. Selbst Wasser- und Elektroleitungen werden mitgedruckt. Ob allerdings bald auch Büromöbel aus dem Drucker kommen, dürfte mehr als fraglich sein, denn Holz kann noch nicht in 3D-Druckern verarbeitet werden. Selbst wenn der technische Fortschritt auch das in naher Zukunft möglich machen sollte, eine fachmännische Beratung und Problemlösung, wie es in der Büromöbelbranche gerade im Objektbereich notwendig ist, ersetzen diese Drucker nicht. Vor allem für Produktdesigner und Architekten dürften sich mit 3D-Druckern ganz neue Möglichkeiten auftun, aber ersetzen werden sie traditionelle Produktionsverfahren wohl kaum – ebenso wenig wie die Mikrowelle den klassischen Herd überflüssig gemacht hat.

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