„Büro wird ein Stück Heimat“

Die Neunziger Jahre waren geprägt vom Wandel der Arbeitswelt zur Erlebnisgesellschaft, in der nicht mehr allein die Arbeit im Zentrum des Lebens steht. Die Erlebnisgesellschaft mit ihren Moden und Trends haben wir jetzt – mit all ihren Erregungszuständen. Aber auch das, was von der Arbeitsgesellschaft übrig geblieben ist, erlebt einen tiefgreifenden Wandel, wie Designer Michael Schmidt glaubt.

Herr Schmidt, Ihr Studio code2design kooperiert mit dem Fraunhofer IAO, das erst kürzlich mit „Arbeitswelten 4.0“ eine Studie zur Gestaltung der räumlichen und technologischen Arbeitsumgebung vorlegte. Mit TEAM.WORK.SPACE. haben Sie jetzt einen weiteren Baustein zum K+N CITY-Konzept geliefert, das mit NET.WORK.PLACE startete. Verraten Sie uns doch mal, wie aus Sicht eines Designers die Zukunft der Arbeit aussieht?
Ganz sicher werden wir immer vernetzter arbeiten, auch länder- und kontinentübergreifend. Der Nine-to five-Tag verliert weiter an Bedeutung, während die Kommunikation insgesamt weiter zunimmt. Das sagen alle Studien. Vor diesem Hintergrund zeichnen sich für uns zahlreiche Varianten ab, zu der vor allem dezentrales Arbeiten zählt, weil wir heute einfach die technischen Möglichkeiten dazu haben. Ob im Home Office, dem Business Center oder in Coworking Places, man lockt sich ein, nimmt an Besprechungen oder Meetings virtuell teil. Das ist heute schon Realität. Allerdings hängt das in hohem Maße auch davon ab, welchen Beruf ich ausübe und in welchem Unternehmen ich arbeite. Ein Job in einer Entwicklungsabteilung zum Beispiel verlangt mehr Face-to-Face-Kommunikation als eine Vertriebstätigkeit.

Nun sorgte erst kürzlich Yahoo-Chefin Marissa Mayer für Aufsehen, weil sie die Produktivität der Mitarbeiter mit Anwesenheitspflicht steigern will. Ein Vorbote für ein Rollback von Unternehmen, die ihren Mitarbeitern nicht mehr trauen?
Solche Entscheidungen haben etwas mit der jeweiligen Unternehmenskultur zu tun. In unseren Analysen, die wir im Vorfeld zu TEAM.WORK.SPACE durchgeführt haben, sind wir der Frage nachgegangen, was das Büro heute ist und wie es sich anfühlen muss. Wir haben es als Marktplatz definiert und als einen Ort, der ein Stück Heimat bietet. Ein Unternehmen muss also seine Büroräume so gestalten, dass der „Spirit“ des Unternehmens fühl- und spürbar wird.

Das klingt, als übernehme das Büro Aufgaben, die wir früher eher im „Reich der Freiheit“ gesucht hätten, also im Privaten!
Natürlich geht man ins Unternehmen, um unter Kollegen zu sein und weil man mit diesen etwas erarbeiten muss, was aber nur im persönlichen Dialog realisiert werden kann. Aber man geht auch ins Unternehmen, um sich  energetisch aufzuladen und inspirieren zu lassen. Es ist wie ein „Nach-Hause-kommen“, um wieder einmal den Grund unter den Füßen zu spüren. Dass sich dieses Gefühl des „Nach-Hause-kommens“ einstellt, das muss ein Unternehmen auch mit seiner Büroarchitektur und Bürogestaltung möglich machen.

Die emotional-ästhetischen Aspekte sind also ebenso wichtig wie die funktionalen?
Davon bin ich absolut überzeugt, denn die emotionale Bindung an Unternehmen ist genauso wichtig wie eine monetäre Entlohnung. Berufseinsteigern oder Leuten, die nach einem neuen Job suchen, ist eine Unternehmenskultur wichtiger als die Bezahlung.

Und die Büroeinrichtung kann in diesem Kontext eine wichtige Rolle spielen?
Ja, absolut, weil sie ein Stück physisch spürbarer Unternehmenskultur ist. Design hat, neben den funktionalen Aspekten, auch eine sehr starke emotionale Komponente.

Design, das nehmen Sie für Ihr Studio code2design in Anspruch, erzählt eine Geschichte. Welche Geschichte erzählt denn ein Multifunktionskonzept TEAM.WORK.SPACE, das auf der letzten ORGATEC vorgestellt wurde?
Dieses Konzept erzählt genau diese Geschichte von Heimat, energetischer Aufladung und der Möglichkeit, sich unterschiedliche Szenarien zum Arbeiten im Unternehmen auszusuchen. Unsere Analyse zeigte deutlich, dass es nicht nur drei Szenarien im Büro gibt — hier der Schreibtisch, dort der Konferenzraum und schließlich die Cafeteria — sondern noch so einiges dazwischen, das unterschiedliche Bedürfnisse befriedigt. Wir haben acht Schlüsselszenarien identifiziert und genau die werden mit NET.WORK.PLACE und TEAM.WORK.SPACE abgebildet. Nehmen Sie zum Beispiel die Silent Area, eine Art Leseraum, den man aus der Uni-Bibliothek kennt. Dort wir nicht kommuniziert und telefoniert, sondern studiert.

Sie wollen gleichsam die Vielfalt des Lebens in die Büroeinrichtung bringen?
Ganz genau und wir stellen die Menschen in den Mittelpunkt unseres Handelns und Tuns.

4D unterscheidet ein erfolgreiches Produkt von einem Me-too-Produkt, so Ihre These. Wofür steht 4D? Die vierte Dimension verstanden wir bis dato immer als Zeit.
Die vierte Dimension ist bei uns die Emotion und sie transportiert die Geschichte eines Produktes. Das ist wie bei einem guten Buch oder Film, der Saiten zum Klingen bringt.

TEAM.WORK.SPACE arbeitet mit Wänden, die Arbeitsplätze separieren. Vor wenigen Tagen konnten wir lesen, dass solche Wände obsolet sind, weil die Zukunft flexiblen Arbeitsplätzen gehört. Was stimmt?
Beides. Wände sind immer nur dort im Einsatz, wenn es um Abschirmung, Privacy und Intimität geht, wo ein konzentriertes und fokussiertes Arbeiten im Vordergrund steht. Dort sind die Trennwände auch hochakustisch wirksam.

Der Arbeitsplatz ist immer auch Ausdruck der jeweiligen Kultur. Welchen Einfluss hat eine solche Perspektive auf das Design? Was in Deutschland mit seiner Regulierungsdichte verlangt wird, muss ja nicht in Silicon Valley oder Tokio funktionieren.
Im privaten oder Konsumgüterbereich spielt die Kultur meines Erachtens eine größere Rolle als im Office-Bereich. Wenn Sie etwa die asiatische Badkultur nehmen, dann stellen sie fest, dass hier die Unterschiede deutlich ausgeprägter sind als in der Arbeitskultur. Als Designer müssen sie sich damit auseinandersetzen, mindestens die Kultur verstehen. Ob diese dann das Design beeinflusst, ist wiederum sehr stark von der Marke und dem Zielmarkt abhängig. Aus meiner Erfahrung mit Japan kann ich sagen, dass dort die Kommunikationskultur stärker ausgeprägt ist als bei uns. Der Arbeitsplatz ist dort noch rudimentärer, dort sprechen wir nicht so viel von Sitz-Steh-Arbeitsplätzen und Ergonomie wie in Deutschland.

Das Einzelbüro als Statussymbol scheint wohl tot…
…ganz sicher

…dafür lebt das Lagerfeuer, sprich der Diskurs in informellen Zonen. Die These, die damit verbunden ist, lautet: Das Lagerfeuer fördert Kreativität, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden. Müssen wir das glauben oder gibt es tatsächlich Fakten, die das belegen?
Lagerfeuer ist ein sehr schönes Bild, was aber auch umgekehrt heißt, dass das Großraumbüro tot ist, weil es nicht die Arbeitsszenarien abbildet, die wir heute brauchen. Deshalb boomen auch die Mittelzonenmöbel. In punkto Kommunikation waren wir in den zurückliegenden Jahren schlicht auf dem Holzweg, weil wir nicht zwei oder drei große Konferenzzimmer brauchen, sondern Besprechungszonen für eine Handvoll von Personen. Etwa 70 Prozent  aller Besprechungen finden mit maximal vier Teilnehmern statt. Zahllose Konferenzräume für 12 bis 20 Leute sind einfach unwirtschaftlich. Umgekehrt gilt auch, dass, wenn wir Open Space-Büros konzipieren, wir auch Räume für konzentriertes Arbeiten schaffen müssen.

Herr Schmidt, die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte ihrer Heilswörter. In den Achtziger Jahren avancierte der Begriff Innovation zur Richtschnur des Handelns in der Wirtschaft. Auch die Büromöbelbranche ist nicht frei von solchen Heilswörtern. Jetzt scheint Kommunikation das Instrument zur Bewältigung der Herausforderungen geworden zu sein, was sich in der Büroeinrichtung niederschlägt. Was folgt nach Kommunikation?
Kreativität! Ein Land wie Deutschland kann nur im globalen Konzert mitspielen, wenn es sich durch Kreativität behauptet. Meiner Meinung nach ist es aber dieser Dreiklang, der uns erfolgreich macht.

Die Crux ist nur, dass Kommunikation der Schmierstoff für Kreativität sein soll! Reicht das wirklich? Kann man Kreativität lernen?
Kommunikation ist ein Teil des Prozesses, um kreativ und am Ende innovativ zu sein. Kreativität ist jedoch weit mehr. Kreativität, die ich meine, funktioniert nicht ohne  ein „In-Frage-stellen“ und ohne eine Vision. Das ist der entscheidende Punkt. Kreativ sind zum Beispiel die Chinesen auch, vielleicht sogar ein Stück kreativer als wir, weil sie häufig unvoreingenommener an eine Sache rangehen. Aber eine Vision haben sie oft nicht und Kreativität ohne Vision, verbunden mit einer starken „Story“ funktioniert nicht.

Herr Schmidt, wir bedanken uns für das Gespräch.

 

Das Gespräch führte Ulrich Texter

 

Über code2design
Das Studio code2design, 1995 in Stuttgart gegründet, steht für den Anspruch, neben den funktionalen Aspekten des Produktes vor allem die verborgenen emotionalen Aspekte des Designs erlebbar zu machen. Michael Schmidt, Jahrgang 1961, Diplom-Ingenieur und Industriedesigner sowie Gründer des Studios, bezeichnet sich denn auch bewusst als Designautor, der in erster Linie Geschichten in Produkte umsetzt. Das Büro ist seit 1998 Offizieller Innovationspartner des Fraunhofer Institutes IAO. Die Arbeiten der Geschichtenerzähler wurden mehrmals international ausgezeichnet.