Business Siesta für ausgeschlafene Mitarbeiter

Die wissenschaftlichen Befunde sind eindeutig. Das Nickerchen im Büro steigert Konzentration und Leistungsfähigkeit. Leider spielen deutsche Arbeitgeber noch nicht so richtig mit. Sie setzen vorwiegend auf „dynamische Arbeitssituationen“ sowie Fitness- und Gesundheitsstudios als auf Ruheräume und Powernapping. In Berlin bietet das „Nickerchen“ jetzt einen öffentlichen Schlafraum für alle, die mit einem mittäglichen Leistungstief zu kämpfen haben.

Durch Schlaf zu besseren Leistungen
Der Verdacht ist nicht unbegründet. Häufig reduziert sich Betriebliches Gesundheitsmanagement auf Sport- und Bewegungsangebote. So definiert der Bundesverband Betriebliches Gesundheitsmanagement die Aufgabe des BGM als „die planvolle Organisation, Steuerung und Ausgestaltung betrieblicher Prozesse mit dem Ziel der Erhaltung und Förderung der Arbeitsbewältigungsfähigkeit der Mitarbeiter.“ Könnte ein Mittagsschläfchen in einem Ruheraum nicht ebenfalls der „Arbeitsbewältigungsfähigkeit“ auf die Sprünge helfen? Erst kürzlich veröffentlichten Forscher der Uni Saar eine Studie, bei der Probanden Wörter und Wortpaare lernen mussten. Anschließend wurde der Lerninhalt geprüft. Nach dieser ersten Prüfung schlief etwa die Hälfte der Teilnehmer, die andere Hälfte schaute eine DVD. Nach dem Schlaf hatte die Hälfte der Teilnehmer, die ein Nickerchen gehalten hatte, noch deutlich mehr Wortpaare im Gedächtnis als die Kontrollgruppe der DVD-Schauer. Forschungsleiter Prof. Dr. Axel Mecklinger: „Schon ein kurzer Mittagsschlaf im Büro oder ein Nickerchen in der Schule verbessern den Lernerfolg signifikant. Daher sollte überall dort, wo man lernt, ernsthaft über die positive Wirkung des Schlafs nachgedacht werden.“

Nach Think Tanks bald Silent Rooms?
Alles kein Geheimnis: Schlaf macht zufriedener und die positiven Auswirkungen sind seit Jahren bekannt. Aber im Land der protestantischen Arbeitsethik gilt es nach wie vor als nicht schicklich, sich für ein kleines Schläfchen zurückzuziehen. Wer schläft, hat ein Imageproblem und läuft Gefahr, auf der Karriereleiter den Anschluss zu verpassen. Zudem gilt hierzulande Müdigkeit als Ausdruck von Leistungsschwäche. Nur wenig Unternehmen bieten deshalb die Möglichkeit, sich eine kleine Auszeit in der Mittagspause zu gönnen. Für den emeritierten Schlafforscher an der Universität Regensburg Jürgen Zulley ein Holzweg. „Es ist gar nicht mehr die Frage“, sagt er, „ob die Leistung gesteigert wird, sondern wie ein solcher Kurzschlaf in die Arbeitswelt eingeplant werden kann.“ Womöglich, hofft er, würden in Zukunft Liegesessel ebenso zur Bürogrundausstattung gehören, wie Steh-Sitz-Arbeitsplätze. Gut möglich, betrachtet man nur die immer wohnlicher werden Angebote der Büromöbelhersteller, die nicht nur zum Kommunizieren, sondern regelrecht zum „Chilaxen“ einladen. Allerdings dürften die Open Space-Konzepte nicht unbedingt zu einem Powernap motivieren, denn wer will schon beim mittäglichen Nickerchen beobachtet werden. Vielleicht zählen aber in naher Zukunft „Silent Rooms“ ebenso zur Grundausstattung wie Think Tanks.

Der Energieauflade-Laden
Im besonders ausgeschlafenen Berlin ist man mit dem Powernapping-Studio „Nickerchen“ schon einen Schritt weiter. Die Schlafstätte auf Zeit wurde Ende 2014 eröffnet. Gründerin Irina Ivachkovets zeigt sich überzeugt, dass es eigentlich alle wollen, aber es sich nur wenige trauen: das Nickerchen zwischendurch. Und sie führt harte Fakten ins Feld, damit jetzt endlich Schluss ist mit der Heimlichtuerei: Bei 92 Prozent aller Menschen würde ein Nap die Produktivität und Kreativität steigern; 50 Prozent zeigen sich danach entscheidungsfreudiger und bei 30 Prozent würde die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit zunehmen. Die vom Büroalltag Ermatteten können zwischen verschiedenen Angeboten auswählen: „Powernapping pur“ „Powernap mit Lass-los-Hilfe“ und „Powernap deluxe“. Express- und Ganzkörpermassagen runden das Angebot der ausgebildeten Massage-Therapeutin ab. Wer will sich da nicht einmal eine Runde aufs Ohr legen, wenn es doch gut tut? Nur übertreiben sollte man es nicht, schließlich hätte wohl jeder Arbeitgeber etwas einzuwenden, wenn seine Angestellten aus dem „Nickerchen“ schlaftrunken zurück kämen.

 

Bringt uns die Leistungsgesellschaft um den Schlaf? Jeder Dritte kämpft mittlerweile mit stundelangem Wälzen im Bett, Wachwerden mitten in der Nacht, ständige Müdigkeit am Tag, Störungen im Schlaf-Wach-Rhythmus, lautes Zähneknirschen, Schlafapnoe oder „Restless legs“. Auslöser ist u.a. der allgegenwärtige Leistungsdruck, der sich auf die Schlafqualität auswirkt. Das glaubt Prof. Dr. Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums der Charité. Der international renommierte Schlafforscher legte jetzt ein lesenswertes, leicht verständliches und mit vielen Fallbeispielen angereichertes Buch vor, das den Schlaf in der Leistungsgesellschaft unter die Lupe nimmt. „Über guten und schlechten Schlaf“ heißt das bei Kein & Aber erschienene Buch, das zahlreiche Tipps zur Schlafhygiene gibt. So reicht es oftmals, abends einfach das Buch nicht mehr auf dem Tablet zu lesen oder E-Mails zu checken, damit die Nächte wieder erholsamer werden. Wer dennoch davon nicht lassen kann und partout von Schlaftabletten nichts wissen will, stehen einfache „Hausrezepte“ zur Verfügung: ein Glas Bier etwa, weil Hopfen beruhigt, Fernsehen oder einfach Sex, weil dabei ein Hormon ausgeschüttet wird, das müde macht.   Ingo Fietze | Über guten und schlechten Schlaf | ca. 220 Seiten | ISBN 978-3—0369-5716-6