Der Designer als Vordenker

Wegweisende Lösungen für ein besseres Sitzen im Auto, Flugzeug oder im LKW verspricht seit Jahrzehnten die Stuttgarter Recaro Group. Eine zentrale Rolle bei der Entwicklung spielen Ingenious Design und Design Thinking.

Hartmut Schürg sitzt vorne im gläsernen Bürogebäude, das wie ein Schiffsbug in einen Strom ragt. Es ist der lichteste Raum. „Hier flutet das Sonnenlicht den ganzen Tag hinein“, sagt Schürg, der von hier aus – als einer von drei Geschäftsführern – Marke und Design von Recaro verantwortet, einem Spezialisten für Sitze. Zu den Töchtern der Holding zählen die Sparten Kindersitze und Flugzeugsitze, während die RECARO Automotive Seating die Marke als Lizenzpartner nutzt.

Design ist Chefsache
Schürg ist Designer. Er sieht es als seine Aufgabe an, dass sich die Werte der Marke Recaro – Sicherheit, Qualität und Design – in den Produkten wiederfinden. Design interpretiert er als „Ingenious Design“, worunter er Ergonomie, Funktion und Ästhetik subsumiert. „Das ist für uns untrennbar verbunden“. Die Sicherheits- und Qualitätsanforderungen in der Luftfahrt und im Rennsport sind jedenfalls enorm. Schon Firmengründer Wilhelm Reutter arbeitete mit Ferdinand Porsche zusammen und baute für den Ausnahmeingenieur unter anderem die Karosserien für den Porsche 356. Damals beschäftigte sich die 1906  gegründete Firma noch mit dem Exterieur und dem Interieur des Autos. Aus dem Karosseriebau leitet sich auch der heutige Name der Firma ab, aus Reutter Carosserie wurde der Sitzspezialist Recaro.

Marktführer bei Flugzeugsitzen
Mehr als 2.000 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen heute weltweit. Der Umsatz liegt bei rund 380 Millionen Euro. Recaro ist mit einem Weltmarktanteil von 40 Prozent Marktführer bei den Economy-Class-Flugzeugsitzen. In der Mitte 2013 bezogenen Firmenzentrale präsentiert das Unternehmen eine Vielzahl aktueller Produkte aus der Luftfahrt- und dem Automobilsektor. Schürgs Aufgabe ist es, Design und Technik unter einen Hut bringen. Die Entwicklung bei Flugzeug- und Autositzen wird zwar von modernen Materialien wie Karbon getrieben, aber Schürg blickt auf Innovationen immer auch aus Sicht des Markenkerns. „Wofür stehen wir? Was passt zu uns? Von diesem Marken- und Designaspekt schauen wir auf die technische Möglichkeiten“, erklärt er. Für Qantas und ihren Airbus A380 entwarf Recaro Sitze, die mit dem Australian International Design Award of the Year ausgezeichnet wurden. Die Sitze, die an der Rückseite mit Sichtkarbon ausgestattet wurden, greifen Elemente aus dem Automobilbereich auf.

Hängematte als Sitzkonzept
Nicht nur bei Premium-Carriern ist Recaro gut im Geschäft; auch bei Flügen mit Germanwings sitzen Passagiere oft auf Recaro. Bei einem Projekt war besonders viel Kreativität und Teamgeist gefragt: So sollte Recaro bei den neuen, leichten und schlanken Sitzen fünf Zentimeter mehr Beinfreiheit realisieren. Die Literaturtasche zogen die Designer hoch, um Beinfreiheit zu schaffen. Die Schaumstoffauflage des Sitzes ruht nicht mehr auf einer steifen Kunststoffsitzschale, sondern auf einem Textilnetz. „Das Prinzip ist von der Hängematte abgeschaut, spart Platz und Gewicht bei uneingeschränktem Komfort und hervorragender Ergonomie“, erklärt Schürg. Auch die gesamte Hebelmechanik wurde neu konstruiert. Unter dem Sitz kommt sogar ein Stahlrohr zum Tragen, weil es an dieser Stelle hinsichtlich Steifigkeit und Gewicht Vorteile bietet. „Hätten wir hier nur an Carbon gedacht, hätten wir das nicht geschafft“, sagt Schürg. „Ingenious Design“ zeigt sich auch bei der Babyschale Privia, die kürzlich von der Stiftung Warentest die beste jemals für einen Kindersitz  vergebene Wertung erhielt. Privia wurde zudem mit dem German Design Award 2015 ausgezeichnet.

Design und Kreativprozesse
Design spielt auch abseits der engeren, klassischen Produktgestaltung eine zentrale Rolle bei Recaro, denn mit Design Thinking hofft das Unternehmen, die Kreativ- und Innovationsprozesse vorantreiben zu können. Bei dieser Methode fällt es dem Designer zu, alle Aspekte eines Projekts im Blick zu behalten. Dazu zählt die klare und verständliche Beschreibung der Aufgabe oder des Projekts; die gründliche Recherche, was gerade in der Welt los ist, und was der Nutzer will; die systematische Ideenentwicklung samt Filterung und die Visualisierung als Skizze, mit Pappe oder im Tonmodell. „Wir können alles gut und schnell mit dem Computer dreidimensional visualisieren. Doch das reicht nicht“, sagt der Designer. Die Mitarbeiter müssen die Körperlichkeit erfahren. „Wenn wir einen Kindersitz im 1:1-Tonmodell von Hand modellieren und dann zusammen daran arbeiten, ist die Kommunikation zwischen Designern und Technikern schneller und effektiver als am 3D-Computermodell“.

Kreativität fördernde Atmosphäre
Natürlich nutzen die Mitarbeiter klassische Methoden wie etwa das Brainstorming zur Ideenfindung. „Ich muss eine Atmosphäre schaffen, in der Ideen gewollt und wichtig sind“, erklärt Schürg. Das sollen Architektur und Einrichtung unterstützen. Zudem ist Transparenz Trumpf. Jeder, der durch den Eingang den Empfang im 2. Stock erreicht, gewinnt sofort einen Überblick über das Geschoss. Das ist aber so gestaltet, dass sich die Mitarbeiter keineswegs ausgeliefert fühlen. Ist die Glastür zu, bedeutet das, dass man für sich sein möchte. Das ganze Stockwerk ist entlang einer Kommunikationsachse orientiert. Auf der einen Seite befinden sich persönliche Büros, in der Mitte Empfang und Konferenzbereich, die andere Seite läuft über Großraumbüros und non-territoriale Arbeitsflächen sich immer weiter öffnend auf die Bugspitze des Gebäudes zu.

 

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Der Bürostuhl ist zentrales Arbeitsmittel und zum Symbol der Fortschritts geworden. Denn wer sitzt, der konzentriert seine Energie auf das Denken, nicht mehr auf den Körper. Seine praktische, wie symbolische Bedeutung ließen den Stuhl deshalb auch zur größten Herausforderung für Designer werden – nicht nur bei Recaro, wo man die Synthese aus „anhaltendem Komfort, hoher Funktionalität und zeitloser Ästhetik“ sucht. An dem perfekten Zusammenspiel dieser Faktoren arbeitet seit mehr als 30 Jahren auch der vielfach ausgezeichnete Designer Martin Ballendat, der mit VALYOU einen weiteren Beitrag zur Designgeschichte dieses Bedeutungsträgers verfasste. Das VALYOU-Konzept basiert laut Ballendat auf einer selbsteinstellenden ergonomisch ausgereiften Mechanik. Der Drehstuhl bietet unaufdringliches und gestalterisch sauberes Design, einfache Funktionen und hohen Komfort. Mit seinem Look und dem optimales Preis-Leistungsverhältnis erfüllt der VALYOU zudem die Ansprüche moderner, junger Be-Sitzer und Büros.