Die neue Macht der Farben

Trends haben eine starke Orientierungsfunktion in allen Bereichen der Gesellschaft: für Unternehmen, im Marketing und Privatleben, in der Mode wie beim Interieur. Das gilt auch für Farbtrends. Wie lassen sich allerdings Trends erkennen, die nicht allein auf „Bauch­gefühl“ und Spekulation basieren? Wie unterscheidet man kurz- von langfristigen Prognosen? Die Agentur „zukunftStil“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, Unternehmen auf Basis wissenschaftlicher Methoden valide Farb- und Designkonzepte anzubieten.

Frau Werner, Sie haben mit Livia Baum die Agentur zukunftStil gegründet, die Unter­nehmen die Erstellung neuer Farb- und Designkonzepte anbietet. Was ist neu an Ihrer Arbeit und dem Angebot?
Jutta Werner: Unsere Farb- und Trendagentur definiert Trends mit wissenschaftlichen Methoden. Hier arbeiten wir in enger Zusammenarbeit mit dem Institute International Trendsouting (IIT) zusammen und erstellen unterschiedliche Studien. Eine langjährige Studie, die wir immer weiter aktualisieren, nimmt den Wohnraum von 1950 bis heute in den Blick. Dabei untersuchen wir, wie sich Trends verändern, welche sich wiederholen und welche Parallelen es gibt. Anhand der Ergebnisse können wir Rückschlüsse auf die Zukunft ziehen. Erst wenn man die Vergangenheit kennt, kommt man zu realistischen Voraussagen.

Gibt es überhaupt noch so etwas wie Trends, wenn die Gesellschaft doch immer mehr zerfällt und alles sich um das eigene Ich kreist?
Jutta Werner: Selbstverständlich! Natürlich gibt es kurzlebige Trends, die immer parallel zu den sogenannten Megatrends laufen. Gerade die Individualisierung, die Sie ansprechen, ist ein ganz großes Thema, neben den Themen Ökologie, Nachhaltigkeit und Gesundheit. Eine interessante Entwicklung ist neben der Individualität die Bildung von Gemeinschaften und Zusammengehörigkeit. Ein Beispiel ist das Thema Sharing. Die Couch/Wohnung/ Auto/ Klamotte werden gerne miteinander geteilt. Alles wird vernetzter.

Geben den Trends ein System: Livia Baum und Jutta Werner von „zukunftStil“.

Spielt Individualisierung auch bei den Design- und Farbkonzepten von Unternehmen eine zunehmende Bedeutung?
Jutta Werner: Definitiv!
Livia Braun: Ein gutes Beispiel dafür sind Bodenbeläge. Aktuell sind besonders modulare Teppichfliesen angesagt. Manche Firmen bieten inzwischen unterschiedliche Formen an, sodass man sich den Teppich ganz individuell zusammenstellen kann, um gleichsam Unikate zu kreieren. Farbige Teppichfliesen können individuell verlegt werden und bilden je nach Farbkombination Zonen in der Raumgestaltung. So kann der Boden zum Beispiel im Office-Bereich Orientierung geben oder Ruhezonen schaffen.

Sie leiten Trends auf Basis verschiedener Methoden ab und sprechen sogar davon, dem Trend ein System zu geben. Wie sieht denn dieses System aus?
Jutta Werner: Wir arbeiten mit verschiedenen Methoden, u.a. mit Trendscouting, Monitor­ing und der Entwicklung von Bedeutungscodes.

Was verbirgt sich dahinter?
Jutta Werner: Beim Trendscouting geht es in erster Linie darum, möglichst viele Impulse aufzunehmen, etwa auf Fachmessen wie der Heimtextil, imm oder der Möbelmesse in Mailand. Darüber hinaus sammeln wir Impulse im Web und Publikation und werten eine Unmenge von Daten des Alltags aus. Ganz wichtig sind für uns auch Museen und Ausstellungen, also das, was in der Kreativszene oder in der Street Life-Kunst passiert. Sie müssen sich das so vorstellen, dass wir gleichsam alles dokumentieren und dann die Bilddaten auswerten. Dazu laden wir dreimal im Jahr unterschiedliche Experten aus den Bereichen Design, Architektur und Innenarchitektur ein, um aus den ca. 4.000 Bilddaten Trends abzuleiten.

Fleißarbeit: Aus unzähligen „Daten“ und „Dokumenten“ leitet zukunftStil Trends ab.

In der Wirtschaft blühen derzeit Farbkonzepte. Warum ist das so? Farbe war doch schon immer zentral in der menschlichen Wahrnehmung.
Jutta Werner: Farbe weckt Emotionen, Farbe trägt und gibt Räumen und Produkten den Charakter.

Woran zeigt sich das?
Jutta Werner: Farbe weckt Emotionen, inspiriert und schafft Vertrauen. Zudem gibt Farbe Räumen und Produkten einen eigenen Charakter. Besonders im Bereich Farbe, Material und Struktur (CMF – Color Material Finish) wird die Wahrnehmung immer schärfer und die technischen Möglichkeiten in der Gestaltung von Oberflächen oder Textilien ausge­reifter.

Interpretieren wir in die Bedeutung von Farben nicht mehr hinein als sie halten können? Sind Farben nicht in ein sozio-kulturelles Geflecht eingebettet, womit sich auch ihre Bedeutung mit der Zeit ändert?
Jutta Werner: Farbe drückt immer ein Zeitgefühl aus. Sie spielt eine wichtige Rolle im Sinne von: Welche Funktion trägt eigentlich Farbe? Farbe ist wie das Kleid des Designs. Sie gibt einem Produkt auch seine Wertigkeit und schafft Zielgruppennähe.

Nivellieren sich in Zeiten der Globalisierung die Farbvorstellungen so wie das Design immer internationaler wird?
Jutta Werner: Ja. Diese Entwicklung wird besonders durch das Internet und die Digitali­sierung vorangetrieben. Die heutige Generation denkt und arbeitet einfach internationaler, auch im Design und dem Farbdesign. Natürlich gibt es Farben, die länderspezifische Bedeutungen aufweisen. In China ist die Trauerfarbe weiß, in Deutschland schwarz. Das wird sich nicht ändern. Diese kulturellen Farben sind überliefert.
Livia Braun: Farben von anderen Kulturen wecken großes Interesse, weil sie unsere Sehgewohnheiten auffrischen. Ein neuer Impuls und Kontext in der Farbe wird in unseren Kulturkreis gebracht und neu interpretiert – dies zeigt den Trend der Vernetzung auch in kultureller Hinsicht.

Was gibt es aus Ihrer Sicht bei der Farbgestaltung von Büros zu bedenken?
Jutta Werner: Wohlfühlen und Konzentration, das sind die zentralen Themen. Gerade bei einigen Großraumbüros, die eher funktional und ökonomisch eingerichtet sind, fehlt häufig die Wohlfühlatmosphäre. Doch der Trend zur Wohlfühloase im Office Bereich wird immer deutlicher. Ich glaube aber, dass viele Unternehmen das verstanden haben und die Büros zu Orten umgestalten, in denen man sich wohlfühlt. Das sind keine klassischen Büros mehr, sondern fast Wohnräume. Das Konzept des Open Spaces finde ich hier ganz spannend.

Gehen wir einmal davon aus, dass das, was heute ein Büro leisten muss, vor allem eine Wohlfühlatmosphäre sein muss. Zu welchen entspannenden Farben raten Sie und welche Farben sind für Konzentration und Kreativität prädestiniert?
Jutta Werner: Farben spielen immer in Kombination eine Rolle. Natürliche und harmo­nische Farbzusammenspiele können eine angenehme und entspannte Raumatmosphäre schaffen. Reduzierte Farben entschleunigen und können Leichtigkeit ausstrahlen.

2015 erschien eine Akustik-Studie des Institutes International Trendscouting über den Einfluss von Farbe auf die akustische Wahrnehmung im Office-Bereich. Welchen Einfluss hat denn Farbe konkret auf unsere akustische Wahrnehmung?
Jutta Werner: Die Akustik wird durch wärme Farben positiv beeinflusst. Wenn wir etwas als warm wahrnehmen, dann fühlen wir uns auch ein bisschen gedämpfter.

Bald gibt Pantone die Trendfarbe 2018 bekannt. 12 Farben liegen im Rennen. Ihr Tipp, welche wird’s?
Jutta Werner: Ich finde, Farben beeinflussen sich gegenseitig enorm, deshalb ist es schwierig eine Farbe zu nennen. Auf die Kombination kommt es an. Spannend finde ich den neu auflebenden Terrakotta-Trend, den wir 2017 in unterschiedlichen spannenden Facetten erlebt haben. Farbkombinationen, die zusammengesetzt sind, aus Nude und Lachstönen, aus warmen Gewürztönen und Erdfarben bis hin zu tiefen Beerentönen. Dieser Trend wir uns 2018 noch eine Weile begleiten.

Frau Werner, Frau Baum, wir bedanken uns für das Gespräch.