Die Stadt – das neue Leitbild für Bürostrukturen?

Die Stadt ist mehr Idee als topografischer Ort, mehr Funktion, Potenzial und Herausforderung als ein starrer Raum. Die Stadt steht für ökonomische Emanzipation und persönliche Freiheit, Öffentlichkeit und Privatheit, Selbstverwaltung und Selbstverwirklichung – und damit ist sie ein Ort, der erst Individualisierung möglich macht. Jetzt entdecken auch Architekten die Stadt als Modell für Bürostrukturen.

 

Erste Campus
Die fließende Geometrie der Baukörper setzt sich auch im Innern fort. Der Erste Campus der Erste Group, Wien, setzt auf Zusammenarbeitsplätze und eine fließende Arbeitsumgebung ohne feste Arbeitsplätze.
Städte haben Konjunktur. Neben der demografischen Entwicklung sind es vor allem die wissens- und wertschöpfungsintensiven Branchen und hochqualifizierte Arbeitnehmer, die es in die Metropolen zieht. Allein das deutsche Mekka der Start-up-Szene, Berlin, das laut McKinsey „beste Voraussetzungen (hat), sich zur führenden Gründermetropole in Europa zu entwickeln“, erlebt derzeit eine dritte Gründerzeit, wie bereits an der Spree frohlockt wird. Mit 44.000 neuen Unternehmen pro Jahr und einer Selbstständigenquote von 14 Prozent ist Berlin ohnehin schon Deutschlands Gründerhauptstadt. Auch sonst wächst die Stadt. Allein in den Jahren 2012 bis 2014 legte Berlin im Saldo um rund 135.000 Personen zu. Und der Trend hält an.

 

Es sind allerdings nicht nur die reinen ökonomischen Faktoren, die gegenwärtig zu einer Renaissance von Städten führen. Städte stehen eben auch für unterschiedliche Lebens¬weisen, für Kommunikation und Teilhabe sowie der Erfahrung von Vielfalt und der Koexistenz von öffentlichem Raum und Privatsphäre. Stadtluft macht frei. Das gilt heute wie zur Zeit der Hanse. Man kann alles, aber auch alles sein lassen. Gleichzeitig sind sie seit jeher Orte der permanenten Transformation, die ständig ihre Strukturen verändern, um zu wachsen, aber die dennoch ihre konstituierenden Merkmale behalten. Städte sind nicht nur ein Versprechen auf die Zukunft und ein besseres Leben, sondern auch ein Buch der Erinnerung mit ihren Plätzen, Boulevards, Straßen und Gebäuden, die Orientierung liefern und Identität stiften.

 

Bereits vor Jahren entdeckte Deutschlands führender Anbieter von Komplettanbieter von Büro-, Sitzmöbeln und Raumsystemen, die König + Neurath AG, dass die Stadt als ein, wenn nicht sogar als das Leitbild für die Planung von modernen Bürostrukturen dienen könnte. So wie die Stadt einer Ort unterschiedlicher Lebensweisen ist, ist das Büro heute ein Ort unterschiedlicher Arbeitsweisen. Hier wie dort existieren Bereiche des Öffentlichen und Privaten, pflegt man soziale Beziehungen, durchziehen Verkehrs-adern Städte wie Büros. Vor allem ist die Stadt ein Ergebnis bewusster Planung. Auch der Berliner Design- und Interiorspezialist Kinzo, der in den letzten Jahren durch inno-vative Bürolandschaften für Aufsehen sorgte, sieht in der europäischen Stadt ein Modell, das sich auf Bürostrukturen mit ihren komplexen Anforderungen übertragen lässt. Die Berliner richteten jetzt eines der größten Büroprojekte Europas als Stadtlandschaft ein, den Campus der Erste Group Bank AG in Wien. K+N City News sprach mit Kinzo-Gründer Chris Middleton.

 

Middleton
Die Wünsche und Bedürfnisse der jungen Generation, glaubt Chris Middleton von Kinzo, Berlin, sähen oft anders aus als die in traditionsreichen Unternehmen, weshalb auch die „Organisation“ darauf reagieren muss.

Herr Middleton: Ihre Planungen für den Campus der Erste Group lehnen sich an Vorstellungen an, was eine Stadt ausmacht. Warum ein Modell, das doch schon uralt ist?

Chris Middleton: Die Stadt transportiert ein Image, das man einfach sehr gut auf ein Bürokonzept übertragen kann. Deswegen arbeiten wir gerne mit dieser Analogie. Die Stadt steht für Themen, Sehnsüchte, Hoffnungen und auch Freiheit. Der erste Campus weist eine ähnliche Struktur wie eine Stadt auf mit Hauptstraßen, mit öffentlichen Bereichen und Verkehrsflächen, Privat- und Spielstraßen, in denen es eben ruhiger ist.

 

Wie sieht das konkret aus?
Chris Middleton: Nehmen Sie ein Krankenhaus oder eine Behörde, die von breiten Fluren geprägt werden, in denen es oft dunkel ist und rechts und links Zellenbüros liegen. Die Flure gleichen eher einem Tunnel oder einer Autobahn. Wenn wir allerdings einen Boulevard wollen, der Aufenthaltsqualität besitzt, wo man verweilen kann, Begegnungen zwischen den Mitarbeitern und spontane Kommunikation möglich sind, müssen wir diese Verkehrsfläche durch unterschiedliche Angebote aufwerten. Der Raum erhält dadurch eine Identität wie der Boulevard einer Stadt. Zugleich wird die Fläche effizienter genutzt.

 

Ihr Büro ist überzeugt, dass ein Büroleben prinzipiell wie eine WG-Party funktioniert. Die besten Partys enden in der Regel in der Küche. So weit wollte die Bank dann doch nicht gehen oder?
Chris Middleton: Im Gebäudekern befinden sich zwar keine klassischen Küchen, aber Coffee-Spots. In ein paar Sonderzonen sind allerdings ein paar Pantry-Küchen unterge-bracht, aber eine WG-Küche, wie wir sie bei dem Projekt für Soundcloud umgesetzt haben, so etwas konnten wir nicht realisieren.

 

Wo liegt für Ihr Büro die größte Herausforderung: neue Produkte zu kreieren oder die DNA eines Unternehmens in eine Bürolandschaft umzusetzen?
Chris Middleton: Unsere größte Stärke und die eigentliche Herausforderung ist die DNA-Entschlüsselung von jedem Kunden, um sie in ein Raumkonzept zu übersetzen. Das kann bis ins Detail gehen, muss aber nicht. Erst in einem zweiten Schritt können dann neue Möbel oder Produkte entstehen. Die Triebfeder bleibt die Decodierung der DNA.

 

team.work.space_studiorgb_22Die Attraktivität moderner Bürostrukturen hängt von ihren funktionalen, sozialen wie ästhetischen Angeboten ab und der Leistungsfähigkeit, sich immer wieder ändernden Bedürfnissen und Aufgaben anzupassen. Einen wichtigen Beitrag zur Identifikation liefert dabei auch das Interior. Mit dem modulare Mittelzonenkonzept NET.WORK.PLACE und der Arbeitsplatzlösung TEAM.WORK.PlACE stehen Büro­architekten und „Stadtplaner“ erstmals völlig neue Wege in der Bürogestaltung offen. Im Zusammenspiel und der Kombination beider Systemmöbel entstehen anspruchsvolle, ganzheitliche Arbeitswelten, die Tradition und Fortschritt vereinen.