Digitale Arbeit macht Stress

Stress hat keinen guten Ruf. Er gilt als Ursache für zahlreiche Krankheiten. Stress fördert sogar das Übergewicht. Schuld, dass sich immer mehr Menschen gestresst fühlen, soll auch die Digitalisierung sein. Das geht aus aktuellen Studien hervor. Ein Leben ohne Stress ist aber auch nicht möglich. Für manche ist er das Beste, was einem im Leben passieren kann.

Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus? Wie müssen Arbeitsplätze und -umgebungen gestaltet sein, um Menschen zu unterstützen? Welchen Einfluss haben neue Technologien auf die Arbeitsweise? Nicht nur das Bundesministerium für Arbeit und Soziales sucht Antworten auf den digitalen Wandel. Erste Ergebnisse will das BMAS Ende November 2016 im Rahmen einer Abschlusskonferenz zum Dialogprozess „Arbeiten 4.0“ präsentieren. Über die Arbeitswelten von morgen zerbricht sich auch die Innovationsoffensive Office 21 des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation den Kopf – und das seit 1996.

Zahlreiche Studien und Konzepte sind seitdem erschienen. Für 2017 kündigten die IAO-Forscher die Studie „Informations- und Kommunikationstechnologie“ an. Erste veröffentlichte Ergebnisse zeigen, dass Büroarbeiter neue Technologien zu schätzen wissen und dass die Qualität der eingesetzten Arbeitstechnologie unmittelbar positiv mit der Performance der Wissensarbeiter korreliert.

Entspannt zurücklehnen: Der Lounge Chair erweiterte vor zwei Jahren mit seiner „softigeren“ Formensprache das modulare Mittelzonenkonzept NET.WORK.PLACE. Auf der ORGATEC 2016 präsentierte König + Neurath jetzt die NET.WORK.PLACE organic Produkte.
Entspannt zurücklehnen: Der Lounge Chair erweiterte vor zwei Jahren mit seiner „softigeren“ Formensprache das modulare Mittelzonenkonzept NET.WORK.PLACE. Auf der ORGATEC 2016 präsentierte König + Neurath jetzt die NET.WORK.PLACE organic Produkte.

Immer mehr Menschen unter Strom.
Die Stresslage der Nation scheint alarmierend. Bereits vor wenigen Wochen legte die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin ihren Arbeitszeitreport 2016 vor. Die Studie betonte, dass zwar flexible Arbeitszeiten den Alltag vieler Beschäftigter prägen, aber Beschäftigte mit hohen betrieblichen Flexibilitätsanforderungen ihr gesund-heitliches Befinden tendenziell schlechter einschätzen und mit ihrer Work-Life-Balance unzufriedener sind als andere Beschäftigte. 12 Prozent der Befragten gaben an, dass sie häufig außerhalb der Arbeitszeit wegen dienstlicher Angelegenheiten kontaktiert werden. Ins selbe Horn stoßen der dritte TK Stressreport sowie der DGB-Index „Gute Arbeit“. Laut Stressreport nahmen die Fehlzeiten aufgrund psychischer, vor allem stressbedingter Erkrankungen wie Depressionen, Angst- und Belastungsstörungen in den letzten 15 Jahren um etwa 90 Prozent zu. Sechs von zehn Menschen fühlen sich gestresst. Und fast 60 Prozent glauben, dass ihr Leben in den letzten drei Jahren stressiger geworden ist. Übeltäter Nr. 1: der Job. 46 Prozent fühlen sich durch Schule, Studium oder Beruf belastet. Hauptursache: eine zu große Arbeitsmenge. Und trotzdem sagen 7 von zehn, dass ihnen die Arbeit Spaß macht.

Positive Auswirkungen auf Work-Life-Balance
Unstrittig dürfte sein, dass Digitalisierung und Globalisierung nicht nur mehr Freiheiten geschaffen haben, sondern von den Beschäftigten deutlich mehr Flexibilität verlangen. 30 Prozent der Befragten sagen, dass sie auch nach Feierabend und im Urlaub erreichbar sein müssen. Diese höhere Arbeitsbelastung und Arbeitsverdichtung führt laut DGB-Index Gute Arbeit zu Stress. Als zusätzlich belastend empfinden die Befragten den Umstand, dass sie selten mitbestimmen dürfen, wann und wie neue Technologien eingesetzt werden. Das sieht Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder etwas anders, der eher die Chancen der Digitalisierung hervorhebt: „Digitalisierung ist eine riesige Chance für die Beschäftigten in Deutschland… Ein entscheidender Stressfaktor der Beschäftigten dürfte fehlende Digitalkompetenz sein.“ Das subjektive Gefühl, nicht mehr mit der Entwicklung Schritt halten zu können, weil die Arbeitsbelastung und Multitasking-Anforderungen zugenommen haben, bleibt dennoch bestehen. Aber es gibt auch erste Erfolge. 21 Prozent stellen einen positiven, nur 11 Prozent einen negativen Effekt auch die Vereinbarkeit von Beruf und Freizeit fest. Für den Rest bleibt alles beim Alten. Braucht die Digitalisierung also klare Regeln, um das Leben wirklich einfacher und bequemer zu machen und die Wirtschaft schneller, produktiver und flexibler? Bei Bosch glaubt man, dass es ohne Menschen, die den digitalen Wandel vorantreiben wollen, nicht gehen wird. In Grünbuch 4.0 heißt: „Flexible Beschäftigungsformen führen nur dann zum Erfolg, wenn die unternehmerische Tätigkeit und die Bedürfnisse der Beschäftigten den gleichen Stellenwert haben.“

Tipp_Bild_Stress

Stress

Die Dosis macht’s. Das gilt auch für Stress. Für Urs Willmann ist er sogar das Beste, was uns im Leben passieren kann: die eigentliche Würze. Mit dieser Auffassung steht er nicht alleine da. Der Fußballexperte und Arbeitgeber im Einzelhandel, Holger Stanislawski, der als „Betroffener“ die 3. TK Stressstudie mitvorstellte, glaubt, dass wir ohne Stress kaum Höchstleistungen vollbringen könnten. Er, der jahrelang im Haifischbecken Bundesliga schwamm, muss es wissen. Willmann fordert, dass wir unser Bild vom Stress korrigieren, ein positiveres entwickeln. Dabei beruft er sich auf zahlreiche neuere Studien, die Stress nicht mehr verteufeln, sondern ihn als Lebenselixier und Teil unserer Erfolgsgeschichte verstehen. Ob er uns krank macht oder stärkt, ist für Holger Stanislawski eine Frage der inneren Haltung. Und da rät der Fußballexperte: Öfter mal Feierabend von „Always on“ nehmen. „Stress“ ist ein informatives wie lesenswertes Sachbuch, das uns zum Umdenken anleiten möchte.

Erschienen ist es im Pattloch Verlag zum Preis von 19,99 €. ISBN: 978-3-629-13071-6