Neue Heimstatt für die Zukunft
Bereits mit dem Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart schuf der holländische Stararchitekt Ben van Berkel 2006 ein architektonisches Ausrufezeichen. Jetzt legte der international gefragte Baumeister mit seinem Büro UNStudio und ASPLAN aus Kaiserslautern nach. Für das Fraunhofer Institut für Arbeitswissenschaft und Organisation und seinem Zentrum für Virtuelles Engineering entstand eine spektakuläre Heimstatt für Labore und Büros, in denen die Wissensarbeiter des IAO seit Mitte 2012 im Selbstversuch die Zukunft der Arbeit auf Herz und Nieren prüfen können.
Ob Heiner Goebbels, der international renommierte Komponist und derzeitige Intendant der Ruhr-Triennale, sich über das neue Stuttgarter Wahrzeichen postindustriellen Arbeitens freuen würde, muss Spekulation bleiben. Die Forscher des IAO jedenfalls, die im Workspace Innovation Lab, eine der zahlreichen Zukunftswerkstätten des IAO, innovative Organisationsformen auf der Spur sind, haben jedenfalls mit dem neuen 14 Mio. € teuren neuen Wahrzeichen Arbeitsplätze erhalten, die, wäre der Künstler Forscher, seinen Vorstellungen von interdisziplinärer Arbeit vielleicht in architektonischer Hinsicht nahe kämen. In einem Interview mit „west art“ des wdr betonte Goebels, dass eine gleichberechtigtere oder demokratischere Arbeitsweise „ja nicht nur eine Frage der Menschenliebe (ist), sondern auch eine Frage, ob man wirklich zu völlig anderen, reicheren und spannenderen Resultaten kommt, wenn mehrere Leute mitdenken und mehrere hochmotivierte Leute am Prozess beteiligt sind. Dann kriegt man etwas raus, was man vorher selbst noch nicht im Kopf hatte.“ Das neue IAO – auch ein Symbol eines anthropozentrischen Konzeptes von Arbeitsorganisation im Selbstversuch?
Die Fraunhofer Gesellschaft mit seinen 80 Forschungseinrichtungen allein in Deutschland ist die größte Einrichtung ihrer Art für anwendungsorientierte Forschung in Europa, die 70 Prozent ihres milliardenschweren Budgets mit Aufträgen aus der Industrie und öffentlich finanzierten Forschungsprojekten erwirtschaftet. Forschen also mit und für die Praxis. Eine der Aufgaben, mit dem sich das Workspace Innovation Lab des IAO seit Jahren beschäftigt, ist die Wechselwirkung von „förderlichen Arbeitswelten“, um Unternehmen im globalen Wettbewerb die richtigen Arbeitssysteme an die Hand zu geben. Aber wie sieht eine solche Umgebung aus, die Synapsen auf Touren bringt und Kommunikation als Treibstoff nutzt?
Eine Antwort darauf will das Zentrum für virtuelles Engineering (ZVE) geben, denn Institutsleiter Prof. Dieter Spath glaubt, dass „die richtige Arbeitsumgebung nicht nur die Produktivität und Effektivität, sondern auch Kreativität und Ideen fördert.“ Die Zukunft hat also in Stuttgart-Vaihingen begonnen und sie basiert auf dem, was Forscher, Soziologen und Trendforscher seit Jahren als Paradigma für erfolgreiche Arbeitswelten propagieren: Aufgabe konventioneller Bürolandschaften hin zu offenen Strukturen, die mehr Flexibilität und Kommunikation gewährleisten. So wie das Mercedes-Benz-Museum für einen neuen Typus von Museum stehen soll, so will Ben van Berkel hier seine Vision eines Hauses für Wissensarbeiter realisieren. „Das ZVE des Fraunhofer IAO wurde als neuartiger Prototyp konzipiert,“ so der Niederländer, „der zeigen soll, wie man das zeitgenössische Konzept des Arbeitsplatzes architektonisch umsetzen und so zu neuen Arbeitsmethoden für die Zukunft anregen kann. Die traditionelle Gliederung von Bürogebäuden in Einzelbüros wird weitgehend ersetzt durch ineinander fließende Arbeitsräume mit vielfältigen Sichtbezügen, Bereichen für spontane Treffen und geplante Besprechungen und flexiblen Versuchsbüros mit gemeinschaftlich genutzten Arbeitsplätzen.“
Panta rhei, alles fließt, die alte philosophische Maxime der Griechen scheint hier im Innern der Zukunftswerkstatt architektonische Gestalt geworden zu sein. Um ein offenes Atrium gruppieren sich auf vier Etagen Büro- und Laborflächen mit einer Nutzfläche von 3.220 Quadratmetern, die mit einer Vielzahl von Verbindungstreppen erschlossen werden. Die Raumhöhen der Büro- und Laborbereiche variieren, um wechselseitige und stockwerksübergreifende Ein- und Ausblicke zu erlauben und die Kommunikation zwischen den einzelnen Forschungsbereichen zu garantieren. Je weiter man sich in das Innere des Gebäudes zurückzieht, umso ruhiger wird es zwar, aber das zentrale Gestaltungsprinzip ist der Dialog, das Palaver, der Smalltalk. „Kommunikation,“ sagt denn auch der Architekt, der sich eher als Dirigent versteht denn als Baumeister, „ist der Schlüssel für neue Arbeitsabläufe.“ Die beiden unteren Stockwerke sind in erster Linie Technologieentwicklern vorbehalten, die beiden oberen Stockwerke werden projektbezogen bespielt. Nur einzelne Funktionsgruppen verfügen noch über feste Arbeitsplätze.
Von Anfang war das IAO an der Konzeption und Umsetzung beteiligt. Dabei entstand nicht nur ein innovatives Arbeits- und Bürokonzept, sondern auch ein Haus, das in Sachen Nachhaltigkeit Maßstäbe setzen will. So zählt eine Geothermieanlage mit mehreren 170 Meter langen Erdsonden ebenso zum Konzept wie in den Hohlkörperdecken eingelassene Kühlschlangen und eine intelligente Gebäudeautomatisierung, die Wärme, Kälte, Lüftung und Licht regelt. Das neue Wahrzeichen wurde deshalb von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen ausgezeichnet. Die ideale Forschungsumgebung ist da – auf die ersten Ergebnisse des Selbstversuches darf man gespannt sein.





