Erfindet sich die Old Economy neu?

Die Digitalisierung wird in Deutschland immer noch nicht ernst genug genommen. Laut einer Studie ist die größte Volkswirtschaft Europas dabei, den großen Umbruch zu verpassen. Vor allem veraltete Strukturen verhindern den Aufbruch in die digitale Zukunft.

 

Der größte Binnenmarkt der Welt, die EU, liegt im Tiefschlaf, abgehängt von der digitalen Überlegenheit des Silicon Valleys. Das betonte im vergangenen Jahr der EU-Kommissar für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft, Günther Oetinger, der besonders die tendenziell reformunlustigen Deutschen fest schlummern sieht. Ohne digitale Souveränität, so Oetinger, bringe man sich allerdings in „Lebensgefahr.“ Auch das Münchener Max Planck Institut für Innovation und Wettbewerb stellte in seinem Jahresgutachten vom März 2016 fest, dass die Gestaltungsmöglichkeiten der Digitalisierung nicht ausreichend genutzt würden. Die Expertenkommission hob zugleich hervor, dass das Internet nicht nur alle Lebensbereiche durchdringe, sondern vor allem die Grundlage für neue digitale Geschäftsmodelle sei, deren wirtschaftliche Bedeutung erheblich zunimmt. Verpasst Deutschland den Anschluss?

 

Brückenbauer zwischen den Kulturen
Die Tragweite der Digitalisierung für das eigene Kerngeschäft und die konkreten Herausforderungen des Themas, so die Studie des Digitalspezialisten etventure, würden in deutschen Unternehmen nicht ausreichend erkannt. Das 2010 gegründete Unternehmen identifiziert, entwickelt und testet branchenübergreifend digitale Geschäftsansätze im Auftrag von Firmen, um sie als Teil eines Unternehmens oder als eigenständiges Startup aufzubauen. Entscheidend dafür sind die Rückendeckung der Chefetage sowie ein geschützter Raum außerhalb des Stammgeschäftes. Die 150 Spezialisten von „etventure“ konzipierten u.a. für den Stahlhändler Klöckner (kloeckner-i.com), den Finanzkonzern Wüstenrot & Württembergische (ww-digital.de) und dem Family-Equity-Unternehmen Franz Haniel (schacht.one) komplette Digital Units.

Anforderungen an Arbeitsplätze ändern sich
60 Prozent der Firmen erkennen laut Studie zwar die wachsende Bedeutung der digitalen Transformation, aber nur 35 Prozent setzen sie auch als Top-Thema auf die Agenda. Die Untersuchung zeigt warum. Mit 65 Prozent steht „die Verteidigung be-stehender Strukturen“ an erster Stelle. Je größer die befragten Firmen waren, desto häufiger wurde dieser Aspekt angeführt. Als weitere Hürden werden „fehlende Zeit“ (54 Prozent) sowie „fehlende Erfahrung“ (52 Prozent) genannt. Gut 40 Prozent sagten überdies, dass „notwendige weitreichende und radikale Entscheidungen von den Führungskräften gescheut werden“. Dennoch scheint man sich in den Führungsetagen bewusst darüber zu sein, dass die Digitalisierung auch Auswirkungen auf die Unternehmenskultur haben wird. 92 Prozent gehen davon aus, dass sich die Anforderungsprofile der Arbeitsplätze und Arbeitsweisen verändern werden.

 

Ikonen wollen Anschluss halten
Inzwischen scheint die Old Economy aufzuwachen – und geht bei Startups in die Lehre. So werden in Berlin, dem Hotspot der europäischen Startup-Szene, bereits spezielle Startup-Touren angeboten, um etablierten Unternehmen im Rahmen persönlicher Gespräch die Arbeitsweise und Methoden von Newcomern nahezubringen. Die Deutsche Bahn, die derzeit laut Bahn-Chef Rüdiger Grube in einem Häuserkampf steckt, will ebenfalls die Digitalisierung durch die Kooperation mit Startups vorantreiben. In der DB mindbox in Berlin arbeiten Startups und DB-Mitarbeiter gemeinsam an der Digitalisierung der Eisenbahninfrastruktur. Und selbst eine deutsche Ikone der Industriegeschichte, Siemens, läutete Ende Juni 2016 mit der Eröffnung der neuen Konzernzentrale eine neue Ära ein. Die Unternehmenszentrale öffnet sich im Erdgeschoss nicht nur weitgehend der Öffentlichkeit. Das Bürokonzept mit Mittelzonen und geräumigen Lounges setzt ebenfalls auf Offenheit und Transparenz, um über Abteilungsgrenzen hinweg die Bildung von Teams zu ermöglichen und den hierarchiefreien Dialog zu fördern. In einem fast 76 Mrd. € schweren Konzern weht ein Hauch von Startup.

 

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