Erlebnispark Büro

Was ist eigentlich los in Karben am Sitz von König + Neurath? Immer häufiger findet man die Marke auf Nominierungs- und Siegerlisten einschlägiger Designwettbewerbe. Jetzt wurde der Lounge Chair mit Special Mention beim German Design Award 2016 ausgezeichnet , der bereits im Januar den „Interior Innovation Award“ gewann. Für den Stuhl MOVE.ME gab es sogar den „Best of Best Red dot Design Award 2015“. City News wollte von Chef-Designer Cornelius Müller-Schellhorn, der als „Kopf“ der Designabteilung hinter dem Erfolg steht, wissen, was wirklich los ist. „Business as usual“, sagt er.

K+N City News: Herr Müller-Schellhorn, macht K+N eine Transformation durch, weil das Unternehmen immer häufiger Design-Preise abräumt?
Cornelius Müller-Schellhorn: Das ist eine logische Entwicklung. Es stimmt, dass K+N aus einer eher klassisch-konservativen Haltung kommt. Unsere Entwicklung aber geht zu mehr Modernität mit dem Schwerpunkt Design und Innovation. Design war bereits in den frühen 1980er Jahren ein Thema, was die Zusammenarbeit mit Hartmut Esslingers Frog Design beweist. Die strategische Ausrichtung ist nur feinjustiert worden. Meine Aufgabe als Designer muss es sein, das Unternehmen von den Produkten und vom Designanspruch her zu modernisieren.

Was sind die Gründe für diese logische Entwicklung?
Ein Eckpfeiler der Strategie ist das Bekenntnis zu „Made in Germany“. Wir produzieren ausschließlich in Deutschland und der größte Teil unserer Zulieferer stammt aus Deutschland oder Europa. Unter diesen Voraussetzungen müssen wir auf Design und Innovation setzen, um uns vom Markt abzuheben. Hinzu kommt, dass sich der Markt verändert hat. Die Büromöbel werden emotionaler und wohnlicher.

Designer stellen gerne die These auf, dass Design an Bedeutung gewinnt. Die These ist wahrscheinlich so alt wie Design als Profession selbst, oder?
Die Grenzen zwischen dem Investitionsgut Büromöbel und dem Konsumgut Wohnmöbel verschmelzen immer stärker. In diesem Kontext wird die Marke wichtiger. Früher ging es eher um die optimale Flächenausnutzung und die Funktionalität. Durch den Wunsch nach mehr Emotionalität und Wohnlichkeit hat das Design heute einen deutlich höheren Stellenwert bekommen Die Umsetzung von Emotionalität in unserem Design wurde durch einer Reihe internationaler Designpreise bestätigt und ist natürlich auch in unserer Marken-Kommunikation ein wichtiger Faktor.

Wir dachten beim Lounge Chair gleich an skandinavisches Design und das „Ei“ von Fritz Hansen. Der Egg Chair ist typisch für den nordischen Einrichtungsstil: Ein Solitär, der Akzente im sparsam möblierten Raum setzt.
Grundsätzlich liebe ich einfaches Design, das direkt auf den Punkt kommt. Das skandinavische Design hat schon eine Vorbildfunktion, aber es gibt auch in Deutschland Koryphäen wie Jasper Morrison, der alles Überflüssige weglässt, auch formal. In der Büromöbelbranche sind die Antworten sehr komplex geworden. Hier muss ein Um¬denken stattfinden und zwar zu einfacheren und intelligenteren Lösungen.

Und wie können solche Antworten lauten?
Ich beschäftige mich intensiv mit Trends, von denen wir bei K+N drei markante ausgemacht haben. Erstens: das Verschmelzen von Wohnen und Arbeiten, die neue Wohnlichkeit im Büro. Der zweite Trend ist Smart Materials, also intelli¬gente Materialien, die einen Mehrwert bieten. Auf der ORGATEC 2016 wird sicherlich noch mehr von K+N in dieser Einfachheit mit hohem Nutzen zu sehen sein. Der dritte große Trend ist die Technikintegration. Und natürlich beschäftigen wir uns auch mit Entwicklun¬gen wie „Flexible Office“, „Generation Office“ oder modularen Konzepten auf Basis des Plattformgedankens. Das sind die zentralen Themen, die die gesamte Büromöbelent-wicklung beschäftigen werden.

Ist der Trend zu multifunktionalen Möbeln, wie wir sie auch in anderen Bereichen der Möbelbranche sehen, auch eine Entwicklung bei Büromöbeln? Der Lounge Chair steht doch beispielhaft dafür!
Ja, aber das Thema Multifunktionalität ist für die Büromöbel¬branche nicht neu. Die Kunst ist, Multifunktionalität mit Einfachheit zusammenführen. Ein Beispiel liefert der Stuhl MOVE.ME als Komponente des Konferenz- und Seminarprogamms. Der besondere Pfiff ist lediglich, dass die Sitzschale gelenkig mit dem Draht aufgehängt ist. Wir nutzen die Dynamik des Drahts, um einen höheren Sitzkomfort zu erzielen. Das ist der Grund, warum er den „Best of Best Red dot Design Award 2015“ gewonnen hat. Wir haben nichts erfunden, sondern die Materialeigenschaft intelligent genutzt.

Hat sich dadurch, dass sich das Büro verändert, auch Ihr Gestaltungsspielraum verändert?
Absolut. Die Bürolandschaften wurden einst von monotonen Arbeitsplätzen geprägt. Heute geht es hin zu Themenlandschaften, die wir mit dem K+N City Konzept abbilden und mit den passenden Produkten wie den Mittelzonenkonzepten NET.WORK.PLACE und TEAM.WORK.SPACE belegen. Dahinter steht die Idee, dass Unternehmen eine Büroerlebnis-welt, also Räume mit Charakter schaffen müssen. Denn nicht die Möbel werden mobil, sondern die Menschen, weil sie sich die Arbeitsumgebung aussuchen können – passend zu ihren Aufgaben.

Woran arbeiten Sie zurzeit?
Wir konzentrieren uns auf die Weiterentwicklung der bestehenden Produkte. Aber wir arbeiten parallel an neuen Arbeitsplatzkonzepten, die das Thema Individualisierung noch stärker aufgreifen.

Was meint das?
Heute gibt es Arbeitsplätze, an denen man bestenfalls die Höhe verstellen kann. Weder Licht noch Akustik kann beeinflusst werden, aber das Arbeiten ist nicht mehr monoton, sondern da gibt es mal eine Konzentrationsphase, dann den bilateralen Austausch oder eine kleine Besprechung. Das Umfeld macht das allerdings nicht mit. In Zukunft sollten am Arbeitsplatz Akustik und Licht auf die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen anpassbar sein. Diese Entwicklung wird in erster Linie durch die Technikintegration getrieben.

Dann hat der Otter-Report „The Future of Professional Work“ wohl recht, wenn er sagt, dass es dem klassischen Büro zunehmend an den Kragen geht?
Das klassische Büro, wie wir es kennen, verändert sich stark und entwickelt sich zum Wohlfühlbüro mit Erlebnischarakter.

Träumen Sie von einem Klassiker!
Selbstverständlich, wer will als Designer das nicht erreichen? Das Fatale dabei ist, dass man einen Klassiker nicht entwerfen kann.

Herr Cornelius Müller-Schellhorn, wir bedanken uns für das Gespräch.