Fehlendes Verständnis?

Die Warnsignale aus der Wirtschaft häufen sich. Dabei besteht eigentlich kein Grund für Schwarzweißmalerei. Der Arbeitsmarkt zeigt sich nach wie vor robust. Die Zahl der Beschäftigten verharrt unvermindert auf hohem Niveau und die öffentlichen Kassen sprudeln. Doch jetzt schlägt der DIHK und das Wissenschaftliche Institut der AOK Alarm.

Die Folgen der demografischen Entwicklung, der Globalisierung sowie des technologischen Fortschritts haben die Unternehmen endgültig erreicht. „Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt“, schrieb Ende August der Deutsche Industrie und Handelstag, „spitzt sich zu.“ Im Rahmen einer Online-Umfrage hatte der DIHK rund 13.000 Unternehmen zu ihren Ausbildungsplänen, -erfahrungen und -motiven befragt. Das Ergebnis: 29 Prozent der Unternehmen aus Industrie und Handel war es nicht gelungen, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen, obgleich der Nachwuchs stärker denn je umworben wird. Gleichzeitig klagten sie über mangelnde Ausbildungsreife und „andere Vorstellungen von Arbeiten und Lernen der Generation Y“, die zwar durchaus leistungsbereit sei, aber stets „kreative Herausforderungen“ und „Sinn“ suche sowie von „Routinearbeiten“ wenig halte.

Arbeit ist nicht mehr alles
Die Unternehmen stecken in einer Zwickmühle. Die steigende Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften trifft auf ein geringeres Potenzial, das sich zudem selbstbewusst zeigt. Eine Umfrage von e-fellows.net und McKinsey unter 6.000 Toptalenten kommt zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie der DIHK. Selbst bei so genannten High Potentials rangieren ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Beruf und Privatleben sowie ein kollegiales Zusammenarbeit weit oben, während sie vom Arbeitgeber sinnstiftende Aufgaben und Flexibilität erwarten, die ihnen wichtiger sind als Gehälter und Statussymbole. Vor allem flexible Arbeitsmodelle entwickeln sich immer stärker zu einem Trumpf bei der Besetzung von Stellen. 82 Prozent würden einen Job einem vergleichbaren Angebot vorziehen, sofern sie über Ort und Zeit ihres Arbeitens mitbestimmen dürften, so das Ergebnis einer aktuellen Umfrage von Regus. Brechen angesichts des strukturellen Fachkräftemangels jetzt goldene Zeiten für Jugendliche an?

Gemischte Teams sind erfolgreicher
Erfinderisch werden sich die Unternehmen wohl zeigen müssen, um Jugendliche für eine betriebliche Ausbildung zu gewinnen. Laut BDA, der sich auf eine Prognos-Studie beruft, könnten bis 2035 rund vier Millionen Arbeitskräfte fehlen. Bereits 2020 soll die Lücke bei 1,7 Millionen liegen. Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand hängen wiederum entscheidend von gut qualifizierten Arbeitskräften ab. An Empfehlungen, auf die Herausforderungen des demografischen Wandels zu reagieren, mangelt es nicht. So sieht die Bundesagentur für Arbeit, dass „die gelungene Mischung von Jung und Alt im Team ein effektiver Ansatz und wichtiger Baustein in der künftigen Personalarbeit ist.“ Der BDA glaubt, dass „altersgemischte Teams häufiger erfolgreicher sind“. Er wünscht sich zudem, dass ehemalige Arbeitnehmer im Rentenalter vorübergehend beschäftigt werden können. Letzteres dürfte allerdings zu einer weiteren Herausforderung werden. Nur jeder zweite Erwerbstätige in Deutschland, so eine aktuelle Repräsentativbefragung der Initiative Gesundheit und Arbeit, kann sich überhaupt vorstellen, seine derzeitige Tätigkeit bis zum Renteneintritt überhaupt auszuüben. Und obwohl immer wieder zu lesen ist, dass das Thema Gesundheitsmanagement in den Unternehmen angekommen ist, glauben nur 45 Prozent der Befragten, dass sich Unternehmen um ihre Gesundheit kümmern (2010: 64 Prozent).

Gar nicht so verschieden wie gedacht
Ganz so einfach wird das Miteinander unter einem Dach und im selben Büro allerdings nicht, denn Selbst- und Fremdwahrnehmung der Generationen klaffen auseinander. Der Fehlzeiten-Report 2014, herausgegeben vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) in Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld und der Beuth Hochschule für Technik Berlin, zeigt sich zwar auch überzeugt, dass die enge Zusammenarbeit von Generationen zu einem zukünftigen Erfolgsfaktor in Unternehmen werden könnte, sieht aber noch deutliche Verständnisprobleme zwischen der Generation Y und den Babyboomern. „Diese Fehleinschätzungen“, glaubt Helmut Schröder vom WIdO, „könnte einer Zusammenarbeit der Generationen im Wege stehen.“ Der Fehlzeiten-Report behandelt in diesem Jahr das Schwerpunktthema „Erfolgreiche Unternehmen von morgen – gesunde Zukunft heute gestalten.“ Und der kommt zu dem Schluss, dass jüngere und ältere Beschäftigte oft ein falsches Bild voneinander haben. So überschätzt die ältere Generation vor allem die Bedeutung, die flexible Arbeitszeiten, hohe Einkommen und Aufstiegsmöglichkeiten für die Generation Y haben, während sie gleichzeitig das Bedürfnis der Jüngeren unterschätzt, wie wichtig es ihnen ist, anderen zu helfen und etwas Nützliches für die Allgemeinheit zu tun oder einen sicheren Arbeitsplatz zu haben. Dem gegenüber glaubt die Generation Y, dass es den „Alten“ weniger wichtig sei, Spaß an der Arbeit zu haben oder anderen helfen und etwas Nützliches für die Gemeinschaft leisten zu können. Sind die Generationen womöglich doch nicht so verschieden, wie es immer wieder propagiert wird? Eine gerade erschienene Studie des Institutes der Deutschen Wirtschaft kommt jedenfalls zu dem Schluss, dass „es praktisch keine Unterschiede, was die Einstellungen zu Arbeit und Beruf angeht, gibt.“ Eine Differenz sei einzig bei der Beurteilung der Work-Life-Balance vorhanden. Die Generation Y ist mit ihrer Freizeit im Durchschnitt unzufriedener als die Generation X.

Mehr denn je wichtig: modernes Gesundheitsmanagement
Nur in einem Punkt weichen beide Generationen deutlich voneinander ab. Ältere beschäftigte weisen vergleichsweise viele Fehlzeiten auf. Die Zahl der Krankschreibungen nimmt zwar mit zunehmendem Alter ab, aber die Dauer steigt. Zwar machen derzeit die über 50-jährigen nicht einmal ein Drittel der Belegschaften aus, aber sie verursachen rund 46 Prozent der Kosten der ausgefallenen Bruttowertschöpfung, was vor allem auf einen Anstieg der Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Muskel-und Skeletterkrankungen zurückzuführen ist, die weiterhin den größten Anteil (21,8 Prozent) bei der Zahl der Fehltage ausmachen. Die positive Botschaft lautet – betrachtet man die Ergebnisse der Studien – dass der Apfel offensichtlich gar nicht so weit von Stamm gefallen ist. Dennoch wird es für Unternehmen immer wichtiger, in ein modernes Gesundheitsmanagement zu investieren, damit es mit der generationsübergreifenden Zusammenarbeit etwas wird.

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