Fit im Job mit „Health Lounge“

Gesundheitsförderung als Teil des betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) verfügt über ein breites Spektrum von Instrumenten, Methoden und Strategien. Das Spektrum reicht von der gesundheitsgerechten Gestaltung von Arbeitsplätzen über Suchtprävention und Fitnessstudios bis hin zu Kursen und Ernährungsberatung. Mit der „Health Lounge“ kündigt „Healthcare One“ jetzt nichts Geringeres als einen Paradigmenwechsel im BGM an. Die Flughafen München GmbH (FMG) entschied sich als einer der ersten Arbeitgeber für das neue Modell. Doch was verbirgt sich tatsächlich hinter dem Begriff?

 

Bewegen bringt Segen. Die besten Ideen, das wussten bereits die Altvorderen, hießen sie nun Goethe oder Nietzsche, entstehen im Auf- und Abgehen, auf Spaziergängen, aber nicht im Korsett des Stuhls. Für Nietzsche war sogar das „Sitzfleisch die eigentliche Sünde wider den Heiligen Geist.“ Nimmt man den Philosophen beim Wort, sündigen rund 16 Millionen Deutsche täglich stundenlang, wofür sie allerdings noch bezahlt werden. Eine Erzählung des großen österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard heißt schlicht „Gehen“ und in diesem Werk kommt der Erzähler zu der Erkenntnis, dass „die Wissenschaft des Gehens und die Wissenschaft des Denkens eine einzige Wissenschaft (sind).“ Gehen wird als eine ununterbrochene Folge von Denkvorgängen verstanden. Wäre Gehen oder wenigstens ein wenig mehr Bewegung also nicht genau das, was eine kopflastige, sitzende Gesellschaft braucht? Es überrascht deshalb kaum, auch wenn hier mehr das präventive Motiv im Vordergrund steht, dass die Büromöbelbranche für mehr Bewegung im Büro sorgen will – sei es mit Bürodrehstühlen für dynamisches Sitzen oder Steh-Sitz-Arbeitsplätzen. Denn trotz Erfolgen an der Rückenfront, zählen Rücken-, Muskel- und Skeletterkrankungen nach wie vor zu den häufigsten gesundheitlichen Beschwerden von Berufstätigen, wie Merk, einer der Healthcare-One Partner berichtet. Experten aus den Bereichen Medizintechnik, Wissenschaft, Reha, Sport, Coaching und Medizin begleiten das Projekt Health-Lounge beratend.

Starke Muskeln schützen
Das weiß auch Wolfgang Pauck, Geschäftsführer der Plate One GmbH, aber er weiß auch, dass der homo sapiens es gerne bequem mag, auch wenn er die Folgen seiner Sünden kennt und oft genug spürt. Er kurvt mit seinem SUV zum nächstgelegen Supermarkt; er wählt den Aufzug statt der Treppe und er hat oft keine Ahnung, wie er richtig in seinem modernen Bürodrehstuhl sitzen sollte. Alles im Körper, was nicht genutzt wird, verkümmert – inklusive Gehirn. Wenn es gut läuft und er zur X- oder Y-Generation gehört, leistet der moderne Sünder vielleicht Abbitte im Fitnessstudio, aber das ist für Pauck nur eine kleine Minderheit, die sich an traditionellen Geräten quälen. „90 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland“, sagt er, „betätigen sich sportlich wenig und vielleicht acht oder  neun Prozent trainieren regelmäßig im Fitnessstudio, wovon gerade sechs Prozent gezielt Muskeltraining machen.“ Muskeltraining ist das primäre Thema und es steht im Zentrum eines Präventionsansatzes. Nicht von ungefähr, denn ohne ihre Muskeln fiele das fragile Skelett zusammen wie ein Kartenhaus. Um die 35 verliert der Mensch rund ein Prozent seiner Muskulatur, also bis 65 etwa 30 Prozent, dafür wird – und das ist das unangenehme, ein gleicher Prozentsatz an Fett aufgebaut. Damit es mit dem besonders gefährlichen Bauchfett und bei den Damen das Hüftgold erst gar nicht was wird, setzt Pauck mit seinem dreistufigen System auf Regeneration, Muskelaufbau und Vital-Coaching. Wie aber die Verweigerer gewinnen? Wie eine breite Mitarbeiterzielgruppe zum Training motivieren?

Mischung aus Lounge und Trainingsraum
Der erste Schritt: weg von der „Muckibude“ mit Schwarzenegger-Image und hin zu Kraft mit Freude. Die von Healthcare One entwickelte „Health Lounge“ unterscheidet sich deshalb sowohl hinsichtlich der Geräte als auch im Interieur von konventionellen Fitnessstudios, lädt eher ein zum Chillen und Relaxen. Das Herzstück sind spezielle Massageliegen zur Regeneration, die mit biomechanischen Schwingungen für eine optimale physische und psychische Entspannung sorgen, sowie WHB Whole Body Vibration Systeme zur schnellen Muskelkräftigung. Wer erschöpft ist oder wem die Konzentration in den Keller rauscht, der legt sich einfach zehn bis 15 Minuten flach. Wer Muskeln aufbauen möchte, hängt noch ein wenig Zeit dran. Beide Anwendungen führen dazu, dass Verspannungen gelöst und Schmerzen gelindert werden, Muskeln aufgebaut und gelockert werden. „Wenn ich Kraft aufbauen will, empfehle ich dreimal die Woche das Training, später reichen zwei Sitzungen,“ sagt der Ost-Westfale. Bis zu 25 Prozent mehr Muskelkraft kann dadurch entstehen. Gleichzeitig ist mit dem System ein individuelles Coaching möglich. Vitaldaten wie Blutdruck, Zucker oder Gewicht werden präzise angezeigt und in einer Verlaufskurve präsentiert. Daten, die der Arbeitgeber allerdings nicht zu Gesicht bekommt. „Der nächste Schritt wird sein“, zeigt sich Pauck überzeugt, „dass das BGM dem Mitarbeiter per E-Mail Coaching-Tipps gibt.“

Kooperation mit Büromöbelanbieter denkbar
Das im Flughafen München realisierte Pilotprojekt für die IT-Abteilung – sieben weitere sollen folgen – bietet Kapazitäten für 150 Mitarbeiter. Rund 55 Prozent der 280 Beschäftigten nutzen inzwischen das Angebot. Sie loggen sich ins Intranet ein, tragen Namen und Uhrzeit ein, um für zehn oder 15 Minuten zu regenerieren oder die Muskeln zu kräftigen. Kosten entstehen den Mitarbeitern nicht. Das Time-out wird als Freizeit verbucht. Gut ein Jahr ist die „Health Lounge“ jetzt am Netz, zu kurz, um schon Aussagen über die Entwicklung der AU-Tage zu treffen. Allerdings zeigen sich bereits, neben der hohen Akzeptanz des Modells, positive Auswirkungen auf das Betriebsklima. Die FMG sieht in der Health Lounge selbst einen weiteren Baustein, um aktiv eine Gesundheitsförderung für die Mitarbeiter zu bieten und sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren. Auch Healthcare One glaubt an das große Potenzial seines Modells. Das Unternehmen sucht Partner in der Büromöbelbranche, um Komplettlösungen anzubieten, denn zur Health Lounge zählen eben auch Möbel zum „Chilaxen“ – wie man sie aus Open Space-Landschaften kennt.