Form follows storytelling

Werner Aisslinger ist einer der wenigen deutschen Stars der internationalen Designerzunft. Das verdankt er weniger den Entwürfen, die den Weg in Museen schaffen, oder den klangvollen Namen seiner Auftraggeber, sondern eher seiner Haltung zum Design. Diese führt zu prämierten Objekten und mitunter auch wundersamen Projekten wie dem „Urban Jungle“ in Berlin. Kein anderer deutscher Designer betont seit Jahren die narrativen und poetischen Aspekte von Design so wie der Berliner.

Sein Atelier in der Berliner Heidestraße wirkt eher wie ein Experimentierfeld oder ein unaufgeräumtes Kinderzimmer. Der Inhaber dieses Labors, das ist unschwer dieser kreativen (Un-)Ordnung abzulesen, kann eben nicht anders, weil es immer Wichtigeres in der knapp bemessenen Zeit zu tun gibt: spielen zum Beispiel oder kulturaffine Projekte wie das „Home of Future“ realisieren. Professionell spielen heißt bei Werner Aisslinger hingegen, an 30 bis 40 Projekten parallel im Jahr zu arbeiten, um den Betrieb seiner Spielwiese am Laufen zu halten oder die Bälle perfekt zu jonglieren. Auf die Produktion von Gebrauchswerten allein will sich der Designer allerdings nicht reduzieren lassen. Das sei State-of-the-art. Zwar ist es die vornehmste Aufgabe eines Designers, funktionale Produkte herzustellen, aber Designer müssen auch „Visionäre“, eine Mischung aus Seismograf und Ethnologe sein, um zivilisatorische Veränderungsprozesse in authentische, ehrliche, aber nicht fiktive „Storys“ umzusetzen.

Design hat verloren
Geschichten spielerisch zu erzählen ist Aisslingers Thema – seine Idée fixe, wenn man so will. „Diese ganzen typischen rationalen Verkaufsargumente wie Funktion, Material, Gewicht“, sagt er, „das ist heute viel zu wenig. Deshalb glaube ich, tut sich das nordeuropäische Design schwer, weil es die künstlerische Seite nicht schätzt.“ Weshalb für ihn die Relevanz des Designs nach der Blütezeit Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre auch eher abgenommen hat. Das Produktdesign, lautet seine These, habe inzwischen viel von seiner Kompetenz an das Marketing verloren, das heute Designer immer häufiger mit dem Ziel „brieft“, in etwa das zu gestalten, was die Konkurrenz auch schon hat. Nachträglich würde dann versucht, dem Produkt eine Geschichte einzuhauchen – für Aisslinger ein Kardinalfehler. Allerdings räumt er selbstkritisch ein, dass auch die Designer ihren Beitrag zu dieser Entwicklung geleistet haben könnten. „Vielleicht haben wir uns auch viel zu viel mit uns selbst beschäftigt und konnten dem Markt keine plausiblen Begründungen bieten, warum Design profitabel sein kann.“ Sein Wunsch ist es jedenfalls, dass die Designer – wie überhaupt kreative Berufe – die Hoheit über ihre Arbeit zurückgewinnen, dass sie vor allem wieder zu denen werden, die mit ihren Arbeiten Geschichten erzählen.

„Ich glaube nicht an die Methode“
Ist nach allen form follows-Wendungen nun die Zeit reif für „form follows storytelling“? Mit der deutschen Designtradition tut sich Aisslinger jedenfalls schwer, obwohl er selbst bei einem Ulmer an der Berliner Hochschule der Künste, heute Universität der Künste, in die Schule ging. Ulm hieß: richtige Methode richtiges Design. Zu wenig für Aisslinger. Vielleicht liegt der Hang zum Spielen und zur Collage auch darin begründet, dass er ursprünglich Kunst studieren wollte, aber beim Design landete. Während sich Design, wie der Ober-Ulmer Otl Aicher glaubte, immer auf Sachverhalte bezieht, ist Kunst radikal subjektiv. Kunst liefert keine fertigen Statements, sondern fordert auf, darüber nachzudenken, wie es überhaupt zu einem Objekt der Kunst kommen konnte. Es verlangt, den Prozess nachzuvollziehen. Je umfassender dabei das Hintergrundwissen, umso leichter lässt sich daraus eine Geschichte machen. Beim Gebrauchsgegenstand reicht ein einfaches Nicken. „In Deutschland“, sagt Aisslinger, „wurde durch das Bauhaus und die Ulmer Hochschule versucht, Design als erlernbare Profession zu etablieren. Daran glaube ich nicht. Wie die Südeuropäer glaube ich an Intuition, an die richtige Idee zur richtigen Zeit und Zufälle.“

Lust und Freude am Entdecken wecken
Sein Bikini Island-Sofakonzept ist beispielsweise eine solche Story, die auf zivilisatorische Veränderungen reagiert. War das Sofa einst das Lagerfeuer der Familie, um „monodirektional in die Glotze zu schauen“ (Aisslinger), ist es heute eher ein Meetingpoint für die Familienmitglieder, von denen jeder mit dem puzzelt, was ihm gerade Spaß macht: Der eine spielt mit elektronischen Gadgets, der andere liest, der dritte schaut TV, der vierte relaxt. Oder das Gestaltungskonzept „Urban Jungle“ für das 25hours Hotel Bikini in Berlin, bei dem sich jeder das rauspicken darf, was er gerne aus diesem Stilmix lesen möchte: Zoo, Metropole oder S-Bahnhof? Oder die Freiform-Teppichfliesen für Vorwerk, die zwar sehr flexibel und zum Spielen einladen, aber doch nicht beliebig sind. „Jeder will erstaunt, überrascht und inspiriert werden. Das ist das, was wir suchen, dabei geht es aber nicht um Erlebnishunger.“ Wer Aisslinger engagiert, läuft Gefahr, auf eine Reise in die Kindheit mitgenommen zu werden, als der Spieltrieb und die Lust an Entdeckungen noch am größten und alles irgendwie möglich war. Der Freudsche Vergleich behagt ihm: Regression zu den Anfängen. „Das kann ich so stehen lassen.“

Zu wenig Story bei Möblern
Mehr spannende Storys würde sich der Designer auch von der Büromöbelbranche wünschen, aber die kann immer nur, zeigt er sich überzeugt, der viel schnelleren Elektronikbranche hinterherlaufen. Selbst dort, wo auf der ORGATEC 2014 ein wenig Startup-Feeling verbreitet werden sollte, handelte es sich um Produkte, die eher zu BMW oder Audi passen. „Ich sehe derzeit keine spannenden Geschichten am Horizont, keine neuen Ansätze.“ Auch hinter dem Trend zu Open Space, den er grundsätzlich begrüßt, wittert er ein Effizienz-Diktat. „Auch Desk Sharing entstand ja nicht aus der Notwendigkeit heraus, weil Mitarbeiter das gefordert hätten.“ Wie Arbeit zwei Gesichter besitzt, ein konkretes und ein abstraktes, schaut auch Aisslinger janusköpfig auf die Welt. „Ich“, sagt er, „mache eigentlich zwei Jobs: den, um das Büro zu finanzieren, und den, der kulturaffin ist und wo ich das Gefühl habe, das interessiert mich jetzt. Es ist eine Mischung aus Hobby und Beruf.“ Seine Auftraggeber kriegen allerdings immer den ganzen Aisslinger.