Geht es dem klassischen Büro an den Kragen?

Die Arbeitswelt erlebt den größten Umbruch seit der Erfindung der Dampfmaschine. Doch wie wird diese neue Welt dann aussehen, wenn Algorithmen unser Denken und Handeln bestimmen? Werden wir womöglich digitale Sklaven, die genau befolgen, was uns intelligente IT-Systeme vorschreiben, während sie uns glauben machen, dass wir frei zu sein? Einen Ausblick auf die neue Arbeitswelt liefert die Studie „Der Arbeitsplatz der Zukunft“. Eine These: Das klassische Büro stirbt.

Die (Arbeits-)Welt ist in Aufruhr. Schuld: die Digitalisierung, die Hoffnungen wie Befürchtungen gleichermaßen weckt und die Gesellschaft insgesamt herausfordert. Unbestritten dürften die Chancen für eine weitere Humanisierung von Arbeit sein, die uns Laptop, Tablet und Smartphone bescheren. Die digitale Vernetzung der Lebens- und Arbeitswelt verspricht jedenfalls ein Mehr an persönlicher Freiheit, wenn wir mithilfe der digitalen Technologie über Zeitpunkt und Ort der Arbeit immer häufiger selbst entscheiden können. Und auch Unternehmen sehen in der Digitalisierung erhebliches Potenzial für Produktivitätssteigerungen in der industriellen Fertigung. Im Durchschnitt erwarten sie ein Plus von 20 Prozent. Also eine perfekte Win-win-Situation für alle?

Die dunkle Seite der „Digitalen Revolution“ zeigt ein anderes Bild. Die neue Flexibilität sprengt die bisherigen Modelle sozialer und rechtlicher Absicherung von Arbeitnehmern sowie die Anforderungen an den Arbeitsschutz durch fortschreitende Entgrenzung. Mehr noch. Sie führt auch dazu, dass „Algorithmen in den kommenden 10 bis 20 Jahren wohl die Hälfte der heutigen Jobs verdrängen (und) 40 Prozent der Top-500-Firmen in einem Jahrzehnt verschwunden sein (werden)“. Damit geht’s auch den Wissensarbeitern an den Kragen. Davon zeigen sich die Verfasser des „Digitalen Manifestes“ überzeugt. Die Wissenschaftler skizzieren Ende 2015 das Menetekel eines „smarten Planeten“, auf dem alles mit allem vernetzt ist und Gesellschaft wie Menschen „automatisiert“ werden – der Bürger als Marionette von „Big Data“ und „Big Nudging“.

Freelancing im Trend
Unstrittig ist, dass sich die Art, wie wir leben und arbeiten, durch die neue Arbeitswelt ändern wird. Das zeigt einmal mehr die repräsentative Studie „Der Arbeitsplatz der Zukunft. Wie digitale Technologie und Sharing Economy die Schweizer Arbeitswelt verändern.“ Und in der wird Freelancern eine entscheidende Rolle zugewiesen. Bereits heute arbeiten 25 Prozent der Schweizer haupt- und nebenberuflich als Freelancer. Ein Drittel der restlichen 75 Prozent möchte das zukünftig ebenfalls tun. Allerdings gehen nur 37 Prozent der Freelancer hauptberuflich temporären und projektbasierten Arbeiten nach, während der Anteil der Freelancer, die Einkommen aus unterschiedlichen Quellen beziehen („Diversified Worker“) oder zum „traditionellen Job“ zusätzliche Tätigkeiten erbringen („Moonlighter“), 53 Prozent beträgt. Kündigt sich damit eine „Amazonisierung“ der Arbeitswelt an, wie Gewerkschaften befürchten? Befragt, weshalb eine Freelancing-Tätigkeit aufgenommen wird, gaben 50 Prozent der Befragten an, dass sie Freelancing vor allem deshalb nachgehen, um zusätzliches Einkommen zu erwirtschaften. 30 Prozent nannten als Hauptgrund Flexibilität.

Zahl fixer Arbeitsplätze nimmt ab
Der Anteil durch Freelancer erbrachter Dienstleistungen wird in den kommenden Jahren steigen. Auch darin zeigen sich Experten einig. 44 Prozent der Unternehmen, so eine Studie der IGD Business, messen Freelancer-Tätigkeiten eine hohe bis sehr hohe Bedeutung zu – was sicherlich auch eine Folge des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels sein dürfte. Ob allerdings Freiberuflichkeit für Wissensarbeiter die Arbeitsform der Zukunft sein wird, muss Spekulation bleiben. Die Suche nach Sicherheit bleibt auch nach dem Siegeszugs des Internets ein starker Antrieb für Menschen.

Die Spuren der Veränderungen sind dennoch schon zu spüren. So schaffen zahlreiche Schweizer Unternehmen fixe Arbeitsplätze ab und setzen zunehmend auf Hot Desking. Bis 2020 soll laut Studie die Anzahl physischer Arbeitsplätze pro 10 wissensbasierter Mitarbeiter von 8 auf 7 sinken. Microsoft Schweiz ist bereits bei 6 physischen Arbeits-plätzen angekommen. Einige Unternehmen gehen noch einen Schritt weiter und erlauben es ihren Mitarbeitern, nicht nur von zu Hause, sondern auch in Coworking Spaces zu arbeiten – wie etwa die Versicherung AXA Winterthur. Mitte 2015 unterzeichneten sieben Unternehmen aus der Schweiz eine Charta, um „motivierende Rahmenbedingungen für die Mitarbeitenden zu schaffen, den Arbeitsmarkt zur Rekrutierung von Fachkräften besser (zu) erschließen sowie Energie, Gebäude und Verkehrsinfrastrukturen smarter zu nutzen und diese gleichmäßiger im Tagesverlauf auszulasten.“ Die Grenzen des Arbeitsplatzes werden also gegenwärtig neu definiert; und in diesen gehört der tägliche Gang ins Büro offensichtlich der Vergangenheit an.

Weitere Informationen:
http://www2.deloitte.com/ch/de
https://www.mckinsey.de
http://work-smart-initiative.ch
http://www.spektrum.de
https://www.freelance.de