Generation Y – Egotaktiker und heimliche Revolutionäre?

Der „Rheinische Kapitalismus“, Jahrzehnte lang ein Erfolgsmodell für die Versöhnung von Kapital und Arbeit, gerät zunehmend in die Zwickmühle. Schenkt man den Aussagen des Jugendforschers Klaus Hurrelmann Glauben, der jetzt mit Erik Albrecht das Buch „Die heimlichen Revolutionäre“ vorlegte, reifen mit der Generation Y Berufsanfänger heran, die das System von innen heraus unterwandern und alle Bereiche der Gesellschaft verändern – nicht zuletzt die Art und Weise, wie zukünftig gearbeitet wird.

Vorbei die Zeit, als Studenten, die unter Talaren den Muff von 1.000 Jahren witterten, auf die Straße gingen, gegen autoritäre Strukturen rebellierten und Reformen sowie mehr Demokratie einforderten. Passé die Ära, als „Go-ins“, „Sit-ins“ und „Teach-ins“ und die Lektüre von Marx, Marcuse, Sartre und der „Frankfurter Schule“ zu endlosen Diskussionsmarathons führten. Ad acta die Epoche der Experimentierfreudigkeit und der Straßenschlachten, die in einen „Deutschen Herbst“ mündeten. Heute scheint allerorten eher Ruhe zu herrschen, die Jugend angepasst und zwischen Uni-Prüfungsstress und Bachelor-Vorgaben aufgerieben – so das gängige Klischee, welches erst vor wenigen Monaten der Film „Wir sind die Neuen“ von Ralf Westhoffs auf die Schippe nahm. Und auch Jugendforscher Klaus Hurrelmann bestätigt zunächst diese gängige These, weil sich die Generation der heutigen 15- bis 30-Jährigen wie keine zuvor anpassen musste. Hurrelmann kommt aber beim zweiten Blick zu anderen Schlussfolgerungen. Für Blüm war die Rente noch sicher. Für die Generation Y ist nach dem 11. September, dem Beinahe-Zusammenbruch des Weltfinanzsystems, nach Fukushima und diversen Klimakatastrophen nichts mehr sicher. Außer die Tatsache, dass alles im Fluss ist und es irgendwie doch weiter geht. Für die Generation Y ist der Ausnahmezustand der Normalzustand. Diese Erfahrungen habe sie zwar zu stromlinienförmigen, auf den Erfolg fixierte Selbstoptimierer gemacht, die Bildung als Kapital versteht, aber auch zu „heimlichen Revolutionären“, die aus der zweiten Reihe und eher still und leise agieren.

Eine Generation macht Karriere
Die Generation Y ist in den Medien omnipräsent und wird inzwischen, kaum den Hörsälen entronnen, selbst zum Gegenstand der Forschung. Sie treibt Personaler um, weil sie das genaue Gegenteil von dem verkörpert, wofür die „Skeptische“- und 68er-Generation, die Babyboomer oder die angepasste Generation X standen. Sie wollen nicht mehr um jeden Preis in die Hände spucken, um anschließend sagen zu können „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“, sondern stellen bei allem, was sie anpacken, gleich die Sinnfrage. Von repetitiven Tätigkeiten halten sie nichts, von kreativer Selbstverwirklichung umso mehr. Sie sind antimaterialistisch, aber bestens ausgebildet und leistungsorientiert, wenn es gute Gründe dafür gibt. Sie hinterfragen alles, wissen aber genau, dass sie aus einer Position der Stärke agieren können, weil der demografische Wandel ihnen in die Karten spielt. Sie gelten als zahnlose Tiger und Experten für die eigene Selbstoptimierung. Und dennoch, behauptet Klaus Hurrelmann, Professor für Bildungs- und Sozialisationsforschung und derzeit an der Hertie School of Governance in Berlin tätig, „werden sie die Zukunft von Bildung und Ausbildung ebenso verändern wie die von Arbeit und Beruf, Familie und Erziehung, Politik und Partizipation, Freizeit und Medien“ – also praktisch alles. So zu erfahren in einem Beitrag für den Berliner Tagesspiegel.

Herausforderung an Unternehmen
Auch die SRH Hochschule Heidelberg nahm sich jetzt des Themas an. Eine Umfrage unter 202 Studierenden und Generation Y-Vertretern ergab, dass für karriereorientierte Absolventen gute Bezahlung (46 Prozent) und Entwicklungsmöglichkeiten sehr wichtig (69 Prozent) sind. Eine Garantie auf Arbeitsplatzsicherheit (44 Prozent), ein harmonierendes Team (58 Prozent), eine sinnvolle Tätigkeit (64 Prozent) und flexible Arbeitszeiten (29 Prozent) werden gewünscht. Obwohl für Prof. Andreas Zimber, unter dessen Leitung die Umfrage durchgeführt wurde, nach wie vor mehr Vermutungen über die Generation Y kursieren als wissenschaftliche Evidenz vorliegt, kommt er zu dem Schluss: „Es ist eine Altersgruppe mit hohen Erwartungen – an Sicherheit und Stabilität ebenso wie an Autonomie, Sinngebung, Spaß und Verwirklichung im Privaten. Ob das alles an einer Arbeitsstelle zusammengehen kann, muss sich erst noch zeigen.“ Zu ähnlichen Einsichten kommen auch Klaus Hurrelmann und Erik Albrecht in ihrem Porträt über die Generation Y. Dabei werteten sie nicht nur zahlreiche Studien aus, sondern befragten die Generation selbst. Einiges, was dabei herauskam, muss für Unternehmen revolutionär anmuten, weil es die bisherige Arbeitswelt auf den Kopf stellt. Dazu zählt etwa der Abschied von Hierarchien ebenso wie die Arbeit in Teams und Projekten, Augenhöhe statt Unterordnung, flexiblere Arbeitszeiten ebenso wie Suche nach werteorientierten Antworten auf die Frage nach dem „Why“?

Der Kulturwandel hat bereits begonnen
Die Revolution, die Hurrelmann und Albrecht auf uns zurollen sehen, könnte allerdings weniger spektakulär ausfallen als es auf den ersten Blick wirken mag, wie das ebenfalls gerade erschienene Management-Buch mit dem beziehungsreichen Titel „Management Y“ nahelegt. Die Autoren zeigen sich überzeugt, dass die „Vorreiterrolle für die Unternehmenskultur des 21. Jahrhunderts nicht nur die jungen Talente der Generation Y und Medienplatzhirsche wie Apple oder Google, sondern auch Hidden Champions“ sind, die längst Abschied von maschinengleichen Arbeitskraftmodellen genommen haben. Aus einem naheliegenden Grund: Ein auf partizipative Prinzipien gründendes Organisationsmodell, bei dem Führung dienende statt kontrollierende Aufgabe hat, ist hinsichtlich der Entwicklung von neuen Produkten und Dienstleistungen erfolgversprechender als ein hierarchisches Modell. Dabei berufen sie sich auf zahlreiche Einsichten der Neurobiologie, Verhaltensforschung und Psychologie, die in einem Punkt konvergieren: Zusammen sind wir erfolgreicher. Ob allerdings ein partizipativer oder kontrollierender Führungsstil praktiziert wird, hängt dabei in erster Linie vom Menschenbild ab. Wer offen ist und vertraut, also viel gibt, erhält auch viel zurück, so ihre These. Wer Menschen per se als faul und eigennützig betrachtet, wird mit Belohnungssystemen führen, die in ihrer Wirkung allerdings schnell verpuffen. Dass längst eine Reihe von Ansätzen existieren, um den Kulturwandel in Unternehmen zu schaffen, schildern die Autoren anhand von 24 Fallbeispielen, die in verschiedenen Kombinationen eingesetzt werden können.

 

Management Y / Campus Verlag, ISBN 978-3-593-50158-1 von Ulf Brandes, Pascal Gemmer, Holger Koschek und Lydia Schültken

Die heimlichen Revolutionäre – Wie die Generation Y unsere Welt verändert / Beltz Verlag, ISBN 978-3-407-22320-3 von Klaus Hurrelmann und Erik Albrecht