Get up, stand up!

Dynamische Arbeitssituationen haben nachweislich eine positive gesundheitliche Wirkung und führen zu einer signifikanten Erhöhung der physischen Aktivität, ohne dass darunter die Arbeitsleistung wesentlich leidet. Das sind die zentralen Ergebnisse, die das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) vorlegte.

 

Arbeiten am Limit oder die digitale Revolution frisst ihre Kinder! Dieser Verdacht könnte aufkommen, wer in den letzten Jahren die Diskussionen über die Zeitenwende in modernen Büros verfolgte. Statt Freiheit nur Dauerstress, steigender Leistungsdruck, permanente Erreichbarkeit, kurzfristige Ergebnisorientierung, die Aufhebung der Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben – die schöne neue Arbeitswelt mit ihrem „unmenschlichen Druck“ führe, so hatte es oft den Anschein, schnurstracks in den Burnout oder die Depression. So untersuchte das ISF München, spezialisiert auf dem Gebiet der Arbeits- und Industriesoziologie, die Büroarbeit in der IT- und Telekommunikation. Ergebnis: In einigen Bereichen stehen bis zu 50 Prozent der Beschäftigten an der Grenze der Belastbarkeit. Zwar gab und gibt es auch kritische Stimmen, die mahnten, Menschen nicht unnötig zu Patienten zu machen, aber das Thema geisterte landauf, landab durch die Gazetten, als stünde Deutschland am Rande eines kollektiven Erschöpfungszustandes. Unstrittig dürfte allerdings sein, dass hohe und wechselnde Anforderungen die heutige Arbeitswelt charakterisieren. Jetzt weist der aktuelle Krankenhaus-Report der Barmer GEK darauf hin, dass es auch abseits mentaler Erschöpfungszustände nach wie vor Volksleiden gibt, die volkswirtschaftlich erheblich ins Kontor schlagen. Dazu zählt der Dauerbrenner „Rückenschmerzen“. Zwischen 74 und 85 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung leiden irgendwann in ihrem Leben an Rückenschmerzen.

Letzter Ausweg OP
Die Gesetzliche Krankenversicherung gab 2014 rund 68 Milliarden Euro für Krankenhausleistungen aus, Tendenz steigend. Das entspricht gegenüber dem Vorjahr einem Plus von fast 4 Prozent. Auch die Kosten für die Behandlung für Rückenleiden klettern allem Anschein nach weiter in die Höhe. So nahmen allein zwischen 2006 und 2014 die Krankenhausaufenthalte aufgrund von Schmerzen im unteren Rücken um 50 Prozent zu. Diese Steigerung sei nur zu einem kleinen Teil auf demografische Veränderungen zurückzuführen, wie die Krankenkasse betont. Gleichzeitig suchten 2014 knapp 415.000 Patienten das Krankenhaus wegen Kreuzschmerzen auf; 2006 waren es noch 282.000 Fälle. Bei einem Teil der Leidenden hilft nur noch eine Operation. So stieg die Zahl der Bandscheibenoperationen in den Jahren von 2006 bis 2014 um 12,2 Prozent. Allerdings, moniert die Barmer, findet bei gut einem Drittel der Kreuzschmerz-Patienten im Krankenhaus weder eine Operation noch eine spezifische Schmerztherapie statt. Eine Fehlentwicklung, weshalb die Kasse auch fordert, bei der Behandlung früher anzusetzen.

Mehr Bewegung auch im Office
Auch wenn Rückenschmerzen genetische und/oder multifaktorielle Ursachen haben, unstrittig ist, dass Bewegungsmangel ein Risikofaktor darstellt – von den möglichen negativen Auswirkungen auf den Body Mass-Index einmal ganz zu schwiegen. Wissenschaftler empfehlen daher mäßige körperliche Bewegung von 30 bis 45 Minuten am Tag. Das kann auch Gartenarbeit sein – Urban Gardening soll ja im Trend liegen. Aber auch am Arbeitsplatz kann der Stubenhocker Mensch mehr für sich tun, um seinen Kreislauf in Schwung zu bringen. Das belegt die neue IFA-Studie „Untersuchung von dynamischen Arbeitsplätzen“. Dort heißt es: „Durch die stete Reduktion der physischen Arbeitslast und die steigende Anzahl an Büro- und Bildschirmarbeitsplätzen sind zunehmend mehr Beschäftigte von physischer Inaktivität am Arbeitsplatz betroffen. Die möglichen Folgen können Muskel-Skelett- und Herz-Kreislauf-Beschwerden sein.“ An guten Ratschlägen mangelt es nicht. Das Spektrum der Empfehlung reicht von gesundheitsgerechten, rückenfreundlichen Arbeitsplätzen bis hin zu Lockerungsübungen im Büro. Weil der Mensch aber nun einmal ein Gewohnheitstier ist, gelingt es vielen dennoch nicht, Zeit für Sport in den Alltag einzubauen. Eine Lösung wäre, so das IFA, sogenannte dynamische Arbeitssituationen im Büroalltag zu nutzen, die den Bürostuhl ergänzen oder gar ersetzen. Dazu zählen Bewegungselemente wie Laufbänder, Fahrradergometer oder Stepper, die das Defizit an aktiver Freizeitgestaltung durch „eine Erhöhung der physischen Aktivität am Arbeitsplatz“ minimieren.

Spaziergang am Schreibtisch
Zwei dieser dynamischen Arbeitsplätze wurden in der Studie mit je zwei Intensitäten getestet und mit einem konventionellen Sitz- sowie ein Steharbeitsplatz verglichen. Die Probanden mussten in dem Test fünf standardisierte Bürotätigkeiten ausführen. Untersucht wurden, wie solche Maßnahmen physiologische Kenngrößen positiv beeinflussen, wie sie sich auf die Arbeitsleistung auswirken und wie sie von den Beschäftigten angenommen werden. Das Ergebnis: Die dynamischen Arbeitssituationen führen zwar zu keinem signifikanten Unterschied in der Köperhaltung, aber zu einer Erhöhung der physischen Aktivität, der Herzfrequenz und des Energieumsatzes. Allerdings bestehen bei den Testpersonen Vorbehalte gegenüber derartigen dynamischen Büroarbeitsplätzen, weil sie glauben, dass damit ihre Arbeitsleistung schlechter ausfiele als sie tatsächlich war. Umgekehrt war den Versuchspersonen durchaus bewusst, dass konventionelle Sitzarbeitsplätze negative Auswirkungen auf Körperhaltung und Gesundheit haben. Nach Auswertung der Daten steht für das IFA jedenfalls fest, dass solche Arbeitsplätze prinzipiell einen Beitrag zur Gesundheitsförderung leisten können. Erste  Produkte sind in den USA bereits auf dem Markt.

 

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Auch wenn man sich mal wieder für die Firma krumm machen muss, heißt das noch lange nicht, dass der Rücken unter der Last leidet. Deutschland ist zwar nicht wie Amerika Trendsetter in fast allen Bereichen – im positiven wie im negativen – , aber das Land der Dichter und Denker hat durchaus etwas zu bieten, wenn es um gesundheitsgerechte, rückenfreundliche Arbeitsplätze geht. Etwa das Programm TALO.S. Das Arbeitsplatz-System verfügt zwar nicht über ein integriertes Laufband oder eine Streckbank, kann dafür aber drei verschiedene Höheneinstellungen aufweisen – wahlweise motorisch, per Gasfeder oder manuell einstellbar. Und der Trend zu mehr Haltungswechsel im Büro ist eindeutig, wie der Verband Büro-, Sitz- und Objektmöbel unlängst mitteilte: Lag der Anteil der Sitz-Steh-Arbeitstische vor vier Jahren in Deutschland gerade einmal bei zwölf Prozent, nutzen heute bereits 25 Prozent aller Beschäftigten Steh-Sitz-Arbeitsplätze.