Im Zeichen des Drucks

In dieser Woche öffnete die Weltleitmesse der Zulieferindustrie für Möbelfertigung und Innenausbau, die interzum, ihre Pforten, um den Besuchern die neuesten Trends in der Branche zu präsentieren. Einen Schwerpunkt widmet die Messe diesmal dem 3D-Druck auf ihrer Piazza „innovation of interior“, die besonders Architekten und Designer ansprechen soll.

Die additive Produktion gilt als ein aufstrebendes Verfahren, um individuelle Kundenwünsche zu bedienen. Ganze Häuser entstehen aus dem Drucker – wie in Amsterdam und China geschehen; Triebwerkskomponenten, die 3D-Drucker reihenweise für Boenig ausspucken; kostengünstige Werkzeuge aus den Alleskönnern für die Automobilproduktion, wie sie seit neuestem Opel für die Herstellung des Kleinwagens Adam Rocks braucht. Die neuen Hoffnungsträger der vierten industriellen Revolution scheinen keine Grenzen zu kennen, die Anwendungsfelder sind theoretisch nahezu unbegrenzt. Bereits die letzte ORGATEC griff das Thema additive Produktion mit dem Projekt „7Tage7Hocker“ des Münchener Designers Thorsten Frank auf. Da will die Möbel- und ihre Zulieferindustrie keine Ausnahme machen, denn auch in dieser Branche gilt Individualisierung als ein Mega-Trend – neben Authentizität, Natürlichkeit und extremem Hochglanz- bzw. dem Ultramatt-Look. So die Aussteller aus dem Segment „Materials & Nature.“

Designermöbel aus dem Drucker
Mit welcher Technik lassen sich Einzelstücke besser verwirklichen als mit 3D Druckern? Die Verlockungen, die sie bieten, sind groß, weshalb interzum-Manager Matthias Pollmann davon spricht, dass „generative Fertigungsverfahren immer häufiger auch als relevant für die Möbelindustrie und die Innenarchitektur diskutiert werden.“ Die vorliegenden Indizien scheinen dem Messemacher recht zu geben. Das Thema erobert auch die Lehrpläne von Designhochschulen. So haben jüngst 13 Studierende der Fächer Industrie- und Produktdesign der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Schwäbisch Gmünd mit dem Stuttgarter Fraunhofer IPA und dem Industriedesigner Simon Busse „hybride Möbel“ angefertigt. Halbzeuge wie Profile und Bretter aus dem Baumarkt wurden mithilfe generativ gefertigter Verbindungselemente zu Designerstücken verarbeitet. „Wir haben darauf geachtet, dass die 3D-gedruckten Werkstücke kostengünstige und funktionale Endprodukte ermöglichen“, erläuterte IPA-Projektleiter Andreas Fischer. Die Ergebnisse sind vielseitig. Sie reichen von Kleiderständern über Weinregale bis zu einem Ausstellungssystem aus Pappe. Ähnlich arbeitet das Rotterdamer Studio Minale Maeda, das in Köln Möbel zeigt, die ohne besondere Vorkenntnisse, aber mit leicht erhältlichen Materialen produziert werden können. Spezielle Verbindungsstücke aus dem Drucker halten schlichte Stühle und Tische zusammen. Ob allerdings der am Horizont heraufziehende „Prosument“ tatsächlich Zeit und Lust hat, seinen persönlichen Geschmack auszudrucken, während er doch über Arbeitsverdichtung lamentiert, oder doch lieber auf Massenware vertraut, so sie denn innovativ und qualitätsvoll ist, bleibt noch abzuwarten.

Vor einer Revolution? Eher nicht!
Kommen also harte Zeiten auf Möbelhersteller und Designer zu? Vorerst kann Entwarnung gegeben werden. Die Revolution lässt noch auf sich warten, auch wenn Materialexperten goldene Zeiten für die kundenindividuelle Fertigung heraufziehen sehen. Bei Formlabs, Anbieter von 3D Druckern und von Ingenieuren und Designern des MIT Media Lab gegründet, geht man dennoch davon aus, dass 3D-Drucker kurz- bis mittelfristig die Produktion von Kleinserien revolutionieren werden. Materialexperte Dr. Sascha Peters von Haute Innovation, Kopf hinter Piazza „innovation of interior“, stößt ins selbe Horn und sieht eine neue industrielle Revolution auf uns zu rollen. „Die Potenziale der generativen Fertigung und des 3D-Druckens haben sich in den letzten beiden Jahren zu einer ernstzunehmenden Alternative zu den konventionellen Produktionstechnologien entwickelt“, erläutert Dr. Peters. Unbestritten dürfte sein, dass 3D Drucker für Designer, Architekten, Ingenieure, Künstler und Produktentwickler interessant sind, weil damit Prototypen im eigenen Büro hergestellt werden können, aber für die Massenproduktion dürften sie wohl eher ungeeignet sein.

Mehr Leben spendieren
Neben so viel Zukunftsmusik bietet die interzum auch Handfestes. Über 1.500 Aussteller präsentieren ihre Vorstellungen für die Gestaltung zukünftiger Lebens- und Arbeitsräume. Neun Unternehmen wurden in diesem Jahr mit dem „interzum award: intelligent  material & design 2015“ in der Kategorie „Best of the Best“ ausgezeichnet, der herausragende Designleistungen würdigt. Aber auch abseits innovativer Gestaltung präsentiert sich die Branche durchaus ambitioniert. So hat das Thema Work-Life-Balance auch die Hersteller von Beschlagtechnik, Halbfertigfabrikaten und Werkstoffen für die Möbelfertigung erreicht. So kündigte im Vorfeld der Kölner Messe ein international führendes Unternehmen aus Deutschland an, dass der globale gesellschaftliche Trend, der auf die Verschmelzung von Arbeits- und Wohnsituationen hindeutet, mit innovativen und komfortablen Möbellösungen bedient werden muss, um dem Nutzer „Mehr Leben pro Quadratmeter“ zu spendieren. Erst die Synthese aus intelligenten Möbeln und innovativer Beschlagtechnik schaffe ein gesundes und produktives Gleichgewicht beider Sphären. Da ist es nur konsequent, dass immer mehr Aussteller im Segment „Function & Components“ die Wünsche nach mehr Komfort und Ergonomie bedienen. So viel Bedeutung hatten Beschläge wohl noch nie.

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