Jetzt wird’s bunt im Büro

Weiße Büros gehören bald der Vergangenheit an. Arbeitsräume und Büroflure werden zu Orten des Austauschs und der Kreativität ausgebaut. Das glaubt jedenfalls der Berliner Farbforscher, Designer und Farbkünstler Axel Venn, der Farben eine große Zukunft bescheinigt. In drei bis fünf Jahren gibt es nur noch die Hälfte an weißen Wänden.

Alle Kulturen wussten um die Bedeutung von Farben und ihre Wirkung auf psychologische und physische Prozesse. Farben besitzen Kräfte, die uns in positiver oder negativer Weise beeinflussen und Auswirkungen auf unser Denken, Fühlen und Handeln haben. Sie bestimmen allerdings auch, wie die Umwelt uns wahrnimmt: ob intelligent, seriös, selbstsicher, sexy oder eher bodenständig. Farben werden automatisch mit bestimmten Eigenschaften verbunden. Und das seit Menschengedenken. So schreiben die Autoren Norbert Welsch und Claus Chr. Lieberman in ihrem Buch „Farben“, dass die „Zuordnung nach Ansicht einiger Psychologen nach einem allen Menschen innewohnenden kollektiven Muster (erfolgt).“ Auch hinsichtlich der Vorzugsfarben scheint sich die Welt nicht zu unterscheiden. Blau, Rot und Grün, so die Autoren, prägen in dieser Reihenfolge  die Vorlieben des „global village“, allerdings mit regionalen Abweichungen. Wenn Farben eine solche Macht über uns haben, welche Wirkung haben sie dann auf unser Arbeitsverhalten?

Die Hochschule für angewandte Kunst und Wissenschaft (HAWK) in Hildesheim nahm sich unter Leitung von Prof. Markus Schlegel des Themas an. Erste Erkenntnisse sickerten jetzt durch (mehr dazu demnächst in den K+N City News). Erstes Fazit: Bunte Wände wirken sich tatsächlich auf unser Arbeitsverhalten aus. Sie beeinflussen die Art, wie wir kommunizieren, zur Ruhe kommen oder uns konzentrieren. Allerdings wurde die Macht der Farben in der Gestaltung von Büros bis dato eher ein wenig stiefmütter-lich behandelt. Das ändert sich zwar seit ein paar Jahren durch den Siegeszug von Open Space-Konzepten, bei denen Farben nicht nur für ein Wohlfühlklima sorgen sollen, sondern auch einen Beitrag zur Strukturierung des Raums liefern. Weiß, so scheint es, ist derzeit auf dem Rückzug. Das sieht der Farbforscher, Designer und Farbkünstler Axel Venn ganz ähnlich, ehemals Professor für Farbgestaltung und Trendscouting an der HAWK.

Büros, gab Axel Venn vor drei Jahren zu Protokoll, seien Orte des Schreckens. Linderung böten nur Bambus, Kakteen, Palmen-Grünzeug, ansonsten seien die White Collar Worker in einem tristen Weiß eingepfercht. Weiße Büros aber seien ebenso menschenfeindlich wie schwarze Wände im Kinderzimmern. Anfang März legte der Ehrenvorsitzender des Deutschen Farbenzentrums nach. Weiß als Farbe der Distanz sei zwar in Ordnung, wenn es um den Austausch von Informationen geht, aber kontraproduktiv, wenn um es um Wohlfühlen geht: „Weiß ist lebensfeindlich.“

Herr Prof. Venn, „Goldocker“ bei AkzoNobel sowie „Rose Quartz“ und „Serenity“ bei Pantone sind die Trendfarben 2016. Wie entstehen Farbtrends überhaupt?
Prof. Venn: Aus der Tiefe der Randszene der Gesellschaft, von Underground-Haltungen. Typische Ur-Trendgeber für Farben sind zum Beispiel Graffiti-Szenarien, Tattoo-Studios und Künstler, die durch Protesthaltung neue Farben und Formen generieren. Das sind die eigentlichen Kreativen.

Und wie wirken Farben auf unserer Wohlbefinden?
Prof. Venn: Das Wohnen ist der Naherholungsplatz Nummer Eins. In einer Wohnung spielen Farben, Formen und Materialien eine bedeutende Rolle für das Wohlbefinden eines Menschen. Es gibt Farben, die uns an Wärme erinnern oder in die Weite ziehen. Farben haben nicht nur eine psychologische, sondern auch eine physiologische Aufgabe. Ein Zimmer mit eisblauen Wänden zum Beispiel sollte eine höhere Temperatur haben, damit man sich dort einigermaßen wohlfühlt – im Gegensatz zu einer warmen pastelligen mediterranen Gestaltung.

Menschen verbringen viel Zeit an ihrem Arbeitsplatz. Warum sind Büroräume fast immer weiß?
Prof. Venn: Das frage ich mich auch. Weiß ist für Büros eigentlich das Schlimmste, was es gibt. In den letzten Jahren sind moderne Büros oder Designhotels entstanden, in denen Orte der Nüchternheit geschaffen wurden. Aber Büros sind heutzutage die Kreativorte für neue Ideen, für Zukunftsorientierung. Sie haben nicht mehr die Funktion, nur zu verwalten. Sie sind Orte, in denen viel an innovativen Kreationen gearbeitet wird. Für mich sind weiße Büros der Gegensatz von Effektivität. Das wird sich ändern müssen. Ich kenne viele Beispiele aus den USA oder England: Dort sehen die Büros aus wie lustige Spielhöhlen, lockere Bars oder muntere Veranstaltungsorte. Flure werden hier als Orte der Begegnung ausgebaut. Das, was auf den Gängen passiert, ist sehr wichtig für den internen Austausch und wird hierzulande oft unterdrückt. Kreative Unternehmen befördern den Flurfunk, weil dieser x-mal schnellere Informationsmöglichkeiten bietet. Und bei der Gestaltung des Flurs spielen die Plauder-Farben die größte Rolle. Das sind narrative Töne, die jenen gleichen, die zum Palaver-Platz – rund ums Feuer – gehören:
Orange, Rot, sanft flackernd, anregend und anheimelnd.

Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit bei der Wandgestaltung?
Prof. Venn: Gesundheit ist DAS Thema überhaupt. Es gibt luftreinigende Wandfarben und Textilien, die für ein besseres Raumklima sorgen. Sie sind atmungsaktiv und geruchsneutral, bauen Schadstoffe ab und wirken sogar vorbeugend gegen Schimmelbefall. Davon und überhaupt alles, was einen gesundheitlichen Aspekt hat, halte ich für exorbitant wichtig und zukunftsträchtig.

© Foto: GHM„Colour Master“ enthält auf 328 Seiten eine komplette Übersicht über die verschiedensten Materialien zur Farbgestaltung . Das Standardwerk ist eine Fundgrube für Designer, (Innen-)Architekten, Künstler und Kreative wie Grafiker oder Maler. Jede Seite des Buches stellt ein selbstständiges kreatives Experimentierfeld für den Anwender dar. Erschienen ist das Buch im Callwey Verlag (ISBN: 978-3-7667-1991-1). Ebenfalls von Axel Venn im selben Verlag: „Farbtrends“, das aktuelle Wohnbeispiele präsentiert.

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