Kann man alles haben?

Wie verändert sich Arbeit? Wie wollen wir in Zukunft arbeiten? Was müssen wir ändern, um sowohl die Innovationsfähigkeit der Unternehmen zu garantieren als auch die Be­dürfnisse der Berufstätigen nach mehr Freiheit, Autonomie und Flexibilität zu bedienen? Die schöne neue Arbeitswelt verspricht viel Life, weniger Work und die erfolgreiche Balance von Kind und Karriere. Geht das?

Die Deutschen wissen, was sie wollen, jedenfalls im Berufsleben. Unternehmen sollen gute Arbeitsstellen bieten, Produkte von guter Qualität herstellen und die Umwelt schützen. Das ist das Ergebnis einer Mitte März publizierten internationalen Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), bei der mehr als 27.000 Internetnutzer in 22 Ländern zu den wichtigsten Pflichten von Unternehmen befragt wurden. Die Über­raschung: Gerade die „Erfinder“ des Waldsterbens räumen dem Gesundheits- und Ar­beitsschutz einen höheren Stellenwert ein als dem Umweltschutz. Frauen legen zudem einen größeren Wert auf den Gesundheits- und Arbeitsschutz als Männer, die den Aspekt der Produktqualität stärker in den Fokus rücken.

Das Ergebnis der Studie überrascht nicht, denn wer will schon an einem unattraktiven Arbeitsplatz das BIP steigern. Für ein Aufhorchen bei Unternehmen sollte allerdings der Stellenwert des Gesundheits- und Arbeitsschutzes sorgen, der auf Platz 2 in Deutschland landete. Die entscheidende Frage, auf die allerdings die Studie keine Antwort gibt, ist, wie heute ein guter Arbeitsplatz denn auszusehen hat. Sind es Gehalt, Firmenwagen, Titel und ein Einzelbüro? Oder sind es Vorgesetzte, die Mitarbeiter individuell fördern und Aufgaben sinnvoll delegieren, Homeoffice bieten sowie auf Teilzeit, Jobsharing und offene Bürolandschaften setzen?

Flexible Arbeitsmodelle sind Karrierefalle
Mitte März präsentierte die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und die EAF Berlin die Ergebnisse der Führungskräftebefragung „Arbeiten 4.0 – Führen 4.0“. Flexible Arbeitsmodelle, so die Auswertung, würden sich zwar positiv auf die Motivation, Pro­duktivität und Kreativität von Führungskräften auswirken, hätten aber auch negative Effekte auf die Karrierechancen. „In vielen Unternehmen herrscht oft noch die Vor­stellung“, betont Dr. Helga Lukoschat, Vorstandsvorsitzende der EAF Berlin, „dass Führungskräfte omnipräsent sein und in jedem Fall eine Vollzeitstelle ausüben müssen. Der Wunsch nach reduzierten Arbeitszeiten gilt deswegen nach wie vor als Karrierehemmnis.“ Dennoch: Vor allem Nachwuchsführungskräfte wollen keine Karriere mehr um jeden Preis, sondern auch zeitliche Souveränität und Spielräume in der Arbeitsgestaltung.

Verbessertes Freizeit-Arbeitsverhältnis
Die Lage ist kompliziert. Die Wirtschaft verlangt offensichtlich Vollzeit, Überstunden und Präsenz – die wichtigsten Faktoren, um Karriere zu machen; die junge Generation wünscht Love, Life und Work im harmonischen Dreiklang. Wer sich also gegen eine klassische Karriere und für mehr Freiheit entscheidet, läuft mithin Gefahr abgehängt zu werden. Trotz der Barrieren in den Köpfen, es gibt inzwischen eine Vielzahl von Beispielen in der Wirtschaft, die „New Work“ auf die Agenda gesetzt haben – in Konzernen, im Mittelstand wie bei Startups. Ende Januar wurden die besten Arbeits­konzepte von morgen mit dem New Work Award ausgezeichnet. Der Preis, der zum dritten Mal vergeben wurde, zeichnet Unternehmen aus, die ihre Arbeitskultur auf zukunftsweisende Art anders definieren. So wurde der weltweit größte Automobil­zulieferer, Bosch, für eine flexible und familienbewusste Arbeitskultur mit dem ersten Platz ausgezeichnet. Das Unternehmen bietet Homeoffice, Job-Sharing und auf Betreuungszeiten abgestimmte Familienarbeitsplätze – auch in der Produktion. Der dritte Platz ging an Bike Citizens aus Graz. Seit Sommer 2014 arbeiten alle Mitarbeiter des jungen Web- und App-Spezialisten nur noch montags bis donnerstags. Die Initiative ist erfolgreich: Weniger Krankheitstage, hohe Produktivität, ausgeglichene und fröhliche Stimmung im Büro. Der freie Freitag hat sich als starkes Argument für Bike Citizens als Arbeitgeber erwiesen. Der Schritt zur Viertagewoche scheint aber nur folgerichtig, denn alle noch so intelligenten Arbeitszeitmodelle ändern nichts an der Tatsache, dass, wer mehr Freiheit wünscht, vor allem eins braucht: Zeit, um sie zu genießen. In Graz haben seit Juli 2014 über 20 Mitarbeiter mehr Zeit für Privates.

 

AufbruchDie noch heute üblichen Konzepte von Arbeitszeit stammen überwiegend noch aus der Zeit der industriellen Revolution, als Fließbänder den Takt vorgaben. Doch es kommt Bewegung in die Sache, so der Tenor des jetzt erschienenen E-Books „Aufbruch in neue Arbeitswelten“ . Die Qualität eines Arbeitsplatzes wird nicht mehr allein nach der Höhe des Gehaltes beurteilt, sondern auch nach Möglichkeiten der Selbstverwirklichung und der Vereinbarkeit von Freizeit und Beruf. Die Veränderungsdynamik der Arbeitswelt, glaubt Dr. Thomas Vollmoeller, CEO der XING AG, die das E-Book herausgibt, gleiche einer Kerze, die an beiden Seiten brennt. In sieben Kapiteln finden Leser Beiträge zu den zentralen Ansätzen der neuen Arbeitswelt: von der Unternehmenskultur und dem demokratischen Unternehmen über die Führung von morgen und den Zusammenhang von Zeit und Arbeit bis hin zu neuen Werkzeugen und Methoden sowie Social Entrepre­neurship. Das E-Book kann kostenlos unter www.newworkbook.de heruntergeladen werden.