LVM Versicherung Münster: Die beste Struktur zum Arbeiten

Nach drei Jahren Bauzeit und intensiver Planung des Innenraumkonzeptes bezogen im August 2014 rund 370 Mitarbeiter der LVM Versicherung Münster den neuen 63 m hohen „Kristall“. Der markante Bau hat das Zeug, zu einem Wahrzeichen zu werden. Hält aber der Inhalt, was die Form verspricht? Wir sprachen mit Andreas Kampmann, zuständig für Infrastrukturelles Gebäudemanagement bei der LVM, und Nicola Flügemann.

Rund 3.600 Mitarbeiter beschäftigt der 1896 gegründete LVM Landwirtschaftliche Versicherungsverein a.G., von denen rund 850 auf alternierende Telearbeit setzen. Für den Neubau an der Sperlichstraße, als „Villa Kunterbunt“ in Münster bekannt, erhielt das Unternehmen 2009 den Landespreis für Architektur, Wohnung- und Städtebau NRW. Der LVM-Kristall des Architekt Duk-Kyu Ryang, erstes Plusprimärenergie-Gebäude der Stadt, wurde für seine besondere ökologische Bauweise ausgezeichnet. Aber auch mit dem Innenraumkonzept des markanten Neubaus beschritt die LVM einen neuen Weg. „Nicht zu 150 % Start-up“ (Kampmann), aber innovativ genug, dass die Zukunft der Arbeit auch hier ihre Spuren hinterlassen durfte.

Frau Flügemann, jedes Unternehmen hat seine eigene Kultur, die auch Grundlage für sein Bürokonzept sein sollte. Wie würden Sie die Kultur der LVM beschreiben?
Nicola Flügemann: Unsere Kultur wird von Offenheit geprägt. Sie basiert auf den Werten Vertrauen, Sicherheit und Verantwortung. Der Kristall spiegelt mit seinem Multispace-Raumkonzept genau diese Kultur wider. Es ermöglicht das gemeinsame Arbeiten über Bereich- und Abteilungsgrenzen hinweg.

Ebenso wichtig ist auch die Vorstellung, wie ein Unternehmen zukünftig arbeiten möchte. Welche hat die LVM?
Nicola Flügemann: Darauf gibt es zwei Antworten. Auch in Zukunft werden wir mit eigenen Agenturen, die ausschließlich für uns tätig sind, arbeiten. Wir setzen weiterhin auf den persönlichen Kontakt zu den Kunden. Das ist der traditionelle Aspekt. Der innovative Teil betrifft die Digitalisierung der Prozesse. Innen- und Außendienst müssen auf dasselbe System zurückgreifen können.

Für ihre „Villa Kunterbunt“ erhielten Sie bereits einen Preis; der Kristall wurde für seine ökologische Bauweise ausgezeichnet. Was ist die Botschaft?
Nicola Flügemann: Die Gebäude sind ein ganz klares Bekenntnis zum Standort Münster, aber auch die Innenwirkung ist enorm wichtig. Der Kristall ist auch Arbeitsstätte, wo wir die bestmöglichen Bedingungen für unsere Mitarbeiter schaffen wollten.

Bei Banken und Versicherungen findet man am häufigsten die tradierten Formen des Büros vor. Sie haben sich beim Kristall für Multispace entschieden. Warum?
Andreas Kampmann: Der Grund war die Erkenntnis, dass die Nutzer so am besten arbeiten können. Im Kristall arbeiten projektorientierte und sehr stark kommunikativ ausgerichtete Teams zusammen.

Kritiker monieren, dass es bei Open Space vor allem um Flächenwirtschaftlichkeit geht. Was sagen Sie denen?
Andreas Kampmann: Das ist absolut nicht richtig. Dadurch, dass wir offene Strukturen hergestellt haben, nahmen die Arbeitsplätze pro Flächeneinheit nicht zu. Gründe hierfür sind die Einrichtung von Mehrwertzonen wie den Multifunktions- und Kommunikationsräumen sowie den großzügigen Verkehrsflächen. Der Vorwurf der Verdichtung geht an der Sache vorbei.

Ist Multispace auch ein Beitrag, um jüngere Mitarbeiter zu gewinnen und den Wissenstransfer zwischen den Generationen zu ermöglichen?
Andreas Kampmann: Das war ein wichtiges Thema in der Konzeption. In Bewerbergesprächen stellen wir inzwischen fest, dass offene Raumkonzepte immer öfter vorausgesetzt werden. Junge Menschen, gerade die, die in der IT-Branche arbeiten, kennen häufig nichts anderes mehr. Sie kollaborieren in Strukturen und an verschiedenen Orten, so dass Zellenbüros eher negativ besetzt sind. Gleichzeitig wird der Wissenstransfer enorm gesteigert, weil diese offenen Flächen innerhalb des Gebäudes zur Begegnung einladen. Der Austausch findet viel früher statt. Die Hemmschwelle ist geringer.

Zu den Glaubenssätzen zählt, dass Teams, die intensiv kommunizieren, bessere Ergebnisse erzielen. Ist das bei einer Versicherung überhaupt möglich?
Andreas Kampmann: In der IT haben wir einen sehr hohen Anspruch an unsere selbst entwickelten Produkte. Wir liegen hier im Markt sehr weit vorne, was die zentrale Datenverarbeitung betrifft. Alle Daten stehen den Agenturinhabern in Echtzeit zur Verfügung. Gerade in diesen Bereichen, in denen komplexe Software entwickelt wird, ist vor allem Kreativität und Kommunikation eine Grundvoraussetzung.

Mit offenen Bürolandschaften geht Individualität verloren, Mitarbeiter können nicht mehr länger ihre persönliche Note einbringen. War das ein Problem?
Andreas Kampmann: Die Mitarbeiter kamen aus Zellenbüros, die jeder nach seinem Geschmack einrichtete. Im Kristall ist dies nur bedingt möglich. Grundsätzlich sind wir der Überzeugung, dass der Mitarbeiter im gewissen Umfang seinen Arbeitsplatz frei gestalten soll. Tabu sind allerdings private Pflanzen, weil sie auch kritisch zu bewerten sind, wenn es beispielsweise mit der Pflege hapert oder Mitarbeiter allergisch reagieren. Generell ist die Umsetzung eines solchen Konzeptes durchaus mit größeren Veränderungen für die involvierten Mitarbeiter verbunden und sicherlich wird auch eine gewisse Zeit für die Eingewöhnung benötigt. Insgesamt überwiegen die Vorteile aber deutlich. Auf ein Desk Sharing Modell, welches einen Clean-Desk voraussetzt, haben wir beim Kristall bewusst verzichtet, obwohl das Fraunhofer IAO, das eine Bewertung unseres Konzeptes vorgenommen hatte, uns aufgrund der technischen Ausstattung dazu geraten hatte.

Für die Identifikation mit dem Arbeitsplatz ist die Qualität der Gestaltung mitentscheidend. Was macht die Qualität hier aus und wie bekommt man sie?
Andreas Kampmann: Die installierten Arbeitsplätze weisen eine sehr hohe ergonomische Qualität mit umfangreichen Funktionen auf. Die Büroschreibtische sind bis auf Stehhöhe elektromotorisch höheneinstellbar. Die Arbeitsplatzleuchte wurde am Standfuss befestigt und sorgt für eine optimale Ausleuchtung der Arbeitsfläche. Die Bürodrehstühle, die im Zuge der Neuanschaffung mit ausgeschrieben wurden, lassen ein bewegtes und rückenschonendes Sitzen zu. Da wir für die Wärme- und Kälteerzeugung unter anderem  eine Geothermieanlage einsetzen, konnten unter den betonkernaktivierten Decken keine akustisch wirksamen Flächen angebracht werden. Von Anfang an stand deshalb fest, dass wir auch Büromöbel mit einer schallabsorbierenden Ausstattung benötigen. Zusätzlich sorgen Schallabsorber in Teppichböden, aber auch Systemtrennwandelemente, Möbelaufsatz- beziehungsweise  freihängende Elemente und Abhangdecken  im Flur- und Fassadenbereich für eine gute Akustik. Den Zuschlag für die Lieferung der Tisch- und Stauraumsysteme bekam König & Neurath, weil das Gesamtpaket stimmte.

Vergleicht man die unterschiedlichen Bürokonzepte, steigen mit Multispace die Investitionen?
Kampmann: Die Konzepte sind vergleichbar. Bei diesem Projekt waren aufgrund der Architektur die Planungen intensiver. Was man bei Multispace an Trennwänden spart, verschlingen Schallabsorber. Der Kostenfaktor ist deshalb eher ausgeglichen. Entscheidend ist, was das Büro leisten soll und wie es die Arbeitsprozesse unterstützen kann. Dort, wo es um Teamwork, den Austausch der Kollegen und projektorientiertes Arbeiten geht, ist Multispace der richtige Weg.

Frau Flügemann, Herr Kampmann, wir bedanken uns für das Gespräch.

Referenzsteckbrief:
Standort: Kolde-Ring 21, Münster
Architekten / Generalplaner: Prof. Duk-Kyu-Ryang + HPP, Düsseldorf
Baustart: Juli 2011
Bezug: August 2014
Bruttogeschossfläche gesamt: 19.818 m2
Hauptnutzfläche: 16.537 m2
Baukosten: 46 Millionen Euro
Anzahl der Arbeitsplätze: 450
Raumkonzept: Open Space

Der Einrichter
Vor exakt 50 Jahren wurde Gotzen • Büro + Gestaltung in Münster gegründet. Seit 1996 führt Reiner Tasch das Unternehmen. Mit den Veränderungen der Arbeitswelt änderte sich auch das Portfolio und das Dienstleistungsangebot. Stand in den Anfängen noch das Thema Büroorganisation im Vordergrund, bestimmt heute ein ganzheitlicher Ansatz die Arbeit der insgesamt acht Mitarbeiter. So hat etwa die Wertschätzung für die Mitarbeiter und der Aspekt „Wohlfühl-Ambiente“ deutlich zugenommen, was für die Praxis bedeutet, dass Arbeitsplätze sowohl von der Planung als auch von der Hardware-Leistung höherwertig ausgestattet werden. Ausdruck dieses Wandels ist der Trend zu Open Office-Konzepten mit ihrer Mischung aus persönlichen Arbeitsplätzen und offenen Kommunikationszentren. Weitere Infos unter: http://www.gotzen.de