Mehr als gut tut

Die Deutschen meinen es mal wieder nicht gut mit sich selbst. Der Stress am Arbeitsplatz und die steigenden Zielvorgaben setzen nicht nur ihrer Gesundheit zu. Die überarbeiteten Mitarbeiter und ausgebrannten Manager gefährden auch noch sich selbst, weil sie eigene Grenzen ignorieren. Das zeigt eine aktuelle Studie des Gesundheitsmonitors.

Geahnt haben wir es schon immer, dass Glück nie ganz ohne Schmerzen zu haben ist. Was beim Einstieg in die Berufswelt noch als Arbeit wie in einem Freudenhaus beginnen mag, endet immer häufiger in einem Irrenhaus oder Behandlungszimmer. So könnte man inzwischen die moderne Arbeitswelt verstehen, zieht man die Gesundheitsreports der Krankenkassen heran. Nur, wo fängt das eine an, hört das andere auf? Mitte März legte die DAK ein, wie sie es nennt, Update ihres Gesundheitsreports 2015 vor. Danach greifen knapp drei Millionen Deutsche zu verschreibungspflichtigen Medikamenten, um am Arbeitsplatz leistungsfähiger zu sein oder um Stress abzubauen. Die Anzahl der Arbeitnehmer, die entsprechende Substanzen zum Doping nutzen, stieg in den vergangenen sechs Jahren von 4,7 auf 6,7 Prozent. Die Dunkelziffer soll laut DAK sogar bis an die 12 Prozent reichen.

Am Limit
Reflexartig werden in solchen Fällen immer dieselben Verdächtigen für die Misere verantwortlich gemacht: Mal ist es der Zeitdruck, mal das Tempo der technologischen Veränderungen. Mal ist es der globale Wettbewerb, mal die neue Kultur in den Unternehmen, die zu mehr Selbstbestimmung, flexibleren Arbeitszeitmodellen und neuen Organisationsmodellen führen. Nie sind wir es selber, die Schuld an der Situation haben. Schon Anfang dieses Jahres warnte eine Studie davor, dass immer mehr Arbeitnehmer am Stresslimit jonglieren, weil sie in unterbesetzten Teams arbeiten müssten, die IT-Ausstattung oder der Bewegungsmangel ihnen zusetzen würde. Gleichzeitig steigt der Anteil von Frühberentungen wegen psychischer und psychosomatischer Erkrankungen. Doch wo schlägt die Entwicklung um, dass das Freuden- zu einem Irrenhaus mutiert, weil die Arbeit krank macht und der Arbeitsplatz nicht mehr länger ein Platz der Anerkennung, der sozialen Interaktion, von Prestige und Selbsterfüllung ist? Wann macht Arbeit krank?

Fall für den Ethikrat
Ende Februar griff der Deutsche Ethikrat, der sich eher mit Klonen oder Stammzellenforschung beschäftigt als mit der Frage, ob vielmehr soziale Probleme in Betrieben zu Krankheiten umgedeutet werden, im Rahmen der Reihe „Forum Bioethik“ das Thema auf. Auf dem Prüfstand standen „Modekrankheiten“ wie Burnout, chronische Migräne und Wechseljahre des Mannes – letzteres kaum überraschend, steht Man(n) schon seit Jahren unter gezielter Beobachtung. Gewarnt wurde in Berlin vor einer drohenden Ausweitung des Krankheitsbegriffs, der normale Lebensprozesse als medizinisches Problem definiert, Krankheitsbilder durch Werbemaßnahmen erfindet, leichte Symptome zu Vorboten schwerer Leiden stilisiert und Risiken als Krankheit verkauft. Was wir nämlich unter Krankheit verstehen, hängt eben nicht nur von medizinischen Fakten, sondern auch von kulturellen und wirtschaftlichen Faktoren ab. Umgekehrt dürfe man angesichts der „Medikalisierung“ nicht den Fehler begehen, medizinische Probleme, die lange verkannt wurden, zu bagatellisieren. Dass in Mode gekommene Krankheiten inzwischen immer stärker auch die Wissenschaft auf den Plan ruften, überrascht kaum. Das Verbundprojekt „Resilire –Altersübergreifendes Resilienz-Management“  der Universitäten Erlangen-Nürnberg und Freiburg will ein Modell für betriebliches Resilienz-Management formulieren. Mit den entwickelten Ansätzen sollen Firmen die psychische Gesundheit ihrer Beschäftigten stärken.

Gefühl für sich gewinnen
An eben der psychischen Gesundheit könnten die Gestressten durchaus ein wenig selber arbeiten. Laut des aktuellen Gesundheitsmonitors der Bertelsmann Stiftung und der Barmer GEK legt knapp ein Viertel der Vollzeitbeschäftigten ein zu hohes Tempo vor, das nicht durchzuhalten ist. Sie arbeiten mehr, als ihnen gut tut. Dabei laufen viele Gefahr, sich gesundheitlich selbst zu gefährden. 18 Prozent erreichen oft die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit und auf Pausen verzichten 23 Prozent. Jeder Achte erscheint sogar krank im Betrieb. Als Grund für die wachsenden Anforderungen geben die Befragten steigende Leistungs- und Ertragsziele an (42 Prozent). Jeder Dritte weiß nicht mehr, wie er die wachsenden Ansprüche bewältigen soll, wodurch es zu Überforderung kommt. Die Autoren der Studie, Dr. Anja Chevalier von der Deutschen Sporthochschule Köln und Prof. Gert Kaluza vom GKM-Institut in Marburg, schlagen deshalb vor, Arbeitsbedingungen so auszurichten, dass ein gesundheitsförderndes Arbeits- und Leistungsverhalten des Einzelnen möglich wird. Kaluza macht aber auch klar, wie wichtig es ist, dass Arbeitnehmer ein Gefühl für die eigenen Grenzen entwickeln, um ihr Leistungspotenzial langfristig auszuschöpfen.

 

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Macht uns die Arbeit krank? Oder der Arbeitsplatz? Der Anstieg von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen, aber auch von Rückleiden in den letzten Jahren geht jedenfalls nicht allein auf das Konto von Arbeitspensum, ständiger Erreichbarkeit und Überstunden, während es hingegen als gesichert gelten kann, dass uns ein ergonomisch-funktional schlechter Arbeitsplatz sehr wohl krank machen kann. Unstrittig ist auch, dass das Arbeitsklima einen großen Einfluss auf unser Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit besitzt. An Bürokonzepten werden deshalb immer höhere und komplexere Erwartungen gerichtet. Sie sollen eine inspirierende Atmosphäre für Interaktion und Kommunikation liefern, um die Produktivität und Motivation der Beschäftigten zu fördern; gleichzeitig aber die Gesundheit der Mitarbeiter erhalten und den Krankenstand senken. In diesem Sinne sind intelligente Bürokonzepte gleichsam Bestandteil eines umfassenden betrieblichen Gesundheitsmanagements. Unternehmen sollten jedenfalls ein ureigenes Interesse daran haben, dass ihre Mitarbeiter erst gar nicht die Frage aufwerfen, ob die Arbeit oder ihr Arbeitsplatz sie krank macht. Beides muss stimmen.