Mittagsschlaf am Arbeitsplatz steigert die Produktivität und überbrückt das tägliche Leistungstief

Für Manchen scheint das undenkbar: Am Arbeitsplatz alles stehen und liegen lassen, es sich auf einer Matte an Boden bequem machen und einfach mal ein paar Minuten schlafen. In der heutigen Leistungsgesellschaft gilt das Nickerchen am Arbeitsplatz als eine Untugend – Zeit ist schließlich Geld. Immer noch gehen die meisten Menschen davon aus, dass jemand, der am Arbeitsplatz schläft, schlicht faul und unfähig ist. Die Angst, bei einem Schläfchen erwischt zu werden, ist daher meist größer als die Müdigkeit. Die Erkenntnis, dass aber gerade diese im Schlaf scheinbar verschwendete Zeit eine Quelle der Leistungsfähigkeit ist, setzt sich erst nach und nach durch.

Dabei ist die Idee nicht neu: In den südlichen Ländern gibt es seit jeher die Siesta. Fast alle Japaner halten einen kurzen Mittagsschlaf im Büro und immerhin fast jeder vierte US-Amerikaner ebenso. Mittlerweile wird der produktive Büroschlaf auch in Deutschland immer bekannter – unter den neudeutschen Schlagwort „Power Napping“. Die Beamten und Angestellten der Stadtverwaltung des niedersächsischen Vechta beispielsweise haben bereits seit etwa zweieinhalb Jahren mittags die Möglichkeit, neue Energie zu tanken. Mit Entspannungsübungen im Liegen oder Sitzen steigern die Mitarbeiter dabei ihre Leistungsfähigkeit. Fast alle nutzen diese Chance für die Gesundheitsfürsorge und den Erhalt der Leistungsfähigkeit. „Die meisten haben den Eindruck, dass es ihnen gut tut“, schildert Frank Käthler vom Amt für Zentrale Steuerung und Wirtschaftsförderung der Stadt Vechta den Erfolg des Projekts. Eine objektive Evaluierung sei bislang allerdings schwierig, da diese sehr aufwändig und kostspielig wäre.

Wissenschaftliche Studien beweisen jedoch, dass Entspannung und Büroschlaf am frühen Nachmittag eine rundum sinnvolle Einrichtung sind. Das Nickerchen steigert nicht nur die Lern- und Leistungsfähigkeit, sondern überbrückt gleichzeitig das natürliche Leistungstief in diesem Zeitraum. Etwa zwischen 13 und 15 Uhr sind die meisten Menschen ohnehin auf dem Minimum ihrer Produktivität.

Wichtig für ein erfolgreiches Power Napping ist, dass der Schlaf nur von kurzer Dauer ist. Mehr als eine halbe Stunde sollte die schöpferische Pause auf keinen Fall dauern. Denn dann besteht die Gefahr, dass die Tiefschlafphase erreicht wird. Der Körper würde Funktionen wie den Kreislauf herunterfahren, was das Aufwachen erschweren und den Erholungseffekt wieder aufheben würde. Zu kurz sollte das Nickerchen allerdings auch nicht ausfallen. Ein Zehn-Minuten-Schlaf hat einen deutlich positiven Effekt auf Aufmerksamkeit und geistige Leistung, haben amerikanische Psychologen in einer Studie belegt. Bei einem Neunzig-Sekunden-Nickerchen konnten sie diese Wirkung jedoch noch nicht nachweisen. Dass ein guter Schlaf allgemein das Lern- und Leistungsvermögen steigert, wissen Wissenschaftler schon seit langem. Doch immer mehr Forscher sind der Meinung, dass das auch für den Mittagsschlaf zutrifft. So haben Psychologen von der Harvard-Universität herausgefunden, dass sich am Vormittag trainierte Fähigkeiten während einer Mittagsruhe festigen. Auch Nasa-Wissenschaftler empfehlen Unternehmen, den täglichen Mittagsschlaf zu erlauben. Die Siesta steigert deutlich die Leistung der Angestellten, legen Untersuchungen an Astronauten nahe. Die Nasa wollte damit klären, wie Astronauten im All ihre Zeit optimal nutzen können. Ihre Ergebnisse ließen sich jedoch auch auf weniger außergewöhnliche Arbeitsplätze übertragen, sagen die Forscher. Tests mit amerikanischen Piloten belegen darüber hinaus, dass die Leistungssteigerung nicht nur von kurzer Dauer ist, sondern sogar noch 30 Stunden lang anhält.

Forschungen in Schlaflabors haben außerdem die gängigen Meinung in Frage gestellt, der Mensch benötige nur die eine lange Schlafphase in der Nacht. Im Gegenteil verlangt der Körper in Wirklichkeit nach einem zweigeteilten Schlummer – vorausgesetzt, er hat die freie Wahl. Bekommt der Mensch die Gelegenheit, sich seinen Tagsablauf ohne äußere Zwänge zu gestalten, pendelt er sich auf zwei Schlafphasen ein: eine lange zur Nacht und eine kurze am frühen Nachmittag. Der Büroschlaf in der Mittagspause ist also vollkommen natürlich. Den nächtlichen Schlaf beeinträchtigen kurze Mittagsnickerchen dabei nicht.

Müde Mitarbeiter sind nicht nur schlecht motiviert, sie machen auch mehr Fehler. Dank Power Napping nehmen Unfälle und Fehler ab, während die Produktivität steigt. Bei vielen Unternehmen in Japan und den USA gilt Power Napping daher schon seit Jahren als Erfolgsrezept. Die durch die halbe Stunde Regeneration gewonnene Leistungssteigerung macht den Verlust der Arbeitskraft während des Schläfchens mehr als wett.

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