Rückenschmerzen bleiben „Spitze“

Muskel- und Skeletterkrankungen bleiben die häufigste Krankheitsart. Sie verursachen ein Viertel aller Arbeitsunfähigkeitstage. Bei den Rückenbeschwerden aber zeigt sich neben einem Ost-West- auch ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. Das geht aus dem BKK Gesundheitsreport 2014 „Gesundheit in Regionen“ hervor, der die Daten von rund 9,3 Millionen Versicherten analysiert.

Zu viel des Guten, medizinisch oft unnötig, die Stimmen, die eine medizinische Über- und Fehlversorgung kritisieren, nehmen in den letzten Jahren zu. So stellte unlängst die Bertelsmann Stiftung fest, dass die Wahrscheinlichkeit, ein künstliches Kniegelenk zu erhalten, davon abhängt, in welchem Wohnort man lebt. In wohlhabenden Landkreisen kommen bis zu dreimal mehr Patienten in den Genuss eines künstlichen Kniegelenks als in weniger wohlhabenden. In ihrer Interpretation geben sich die Forscher vorsichtig, weisen aber darauf hin, dass „auch sozioökonomische Faktoren Einfluss auf die Häufigkeit von Kniegelenk-OPs haben können.“ Schenkt man dem Rückenreport der Techniker Krankenkasse Glauben, sieht es mit „Rücken“ kaum besser aus. Der Motivationsfaktor Geld scheint auch hier eine Rolle zu spielen. 85 Prozent aller verordneten Eingriffe seien überflüssig, heißt es dazu im TK-Report. Kritik kommt auch vom World Institute of Pain, einer interdisziplinären Fachorganisation von Orthopäden, Anästhesisten, Radiologen und Schmerztherapeuten. Sie kritisiert die explodierenden Operationszahlen in Deutschland. Rund 35 Milliarden Euro verschlingen Rückenoperationen in Deutschland Jahr für Jahr. Dass hierzulande gerne zum Skalpell gegriffen wird, hat laut World Institute of Pain auch mit der hohen Zahl von Krankenhausbetten zu tun. In Deutschland gibt es – pro Kopf gerechnet –  ein um bis zu 70 Prozent größeres Angebot als in anderen Nationen.
 

Rückenschmerzen nehmen wieder zu
Dass offensichtlich die Gesundheit in Deutschland ungleich verteilt ist und durchaus vom Wohnort mit seinen Versorgungsstrukturen, der Erwerbssituation und Demografie abhängt, zeigt die 38. Ausgabe des BKK Gesundheitsreportes, der erstmals seinen Fokus auf die regionalen Unterschiede legt. Eine solche regionalbasierte Betrachtung des Krankheitsgeschehens bis auf Landkreisebene hinunter, soll Unternehmen die Chance bieten, im Bereich der Prävention und des betrieblichen Gesundheitsmanagements gezielt Maßnahmen zu planen und durchzuführen. Neben regionalen Differenzen zeigt der Report auch, dass seit Jahren die Krankenstände in den Unternehmen kontinuierlich zunehmen. Der Krankenstand wuchs von 3,51 Prozent im Jahr 2006 auf 4,88 Prozent in 2013, was zum einen der demografischen Entwicklung, zum anderen auch dem Anstieg der psychischen Erkrankungen und der Krankheiten des Muskel- und Skelettsystems geschuldet ist.
 

Alter geht aufs Kreuz
Erneut liegen die Krankheiten des Muskel-Skelettsystems an der Spitze. Sanken die Arbeitsunfähigkeitstage bis Mitte des vergangenen Jahrzehnts, nehmen sie seitdem wieder kontinuierlich zu. Seit 2006 stieg „Rücken“ um 31 Prozent – nur übertroffen von psychischen Störungen, die im selben Zeitraum um 110 Prozent zulegten. Mit mehr als 40 AU-Tagen – doppelt so lang wie die durch Muskel- und Skeletterkrankungen verursachten Ausfallzeiten – schlagen sie wie keine andere Krankheitsgruppe ins Kontor. Die Ursachen für den Anstieg der Rückenleiden sind vielfältig: Neben körperlich belastender Arbeit und Stress sind es vor allem Bewegungsmangel und Fehlhaltungen vor dem PC, die nicht selten Rückenschmerzen nach sich ziehen (s.a. K+NCity News-Tipp). Auch eine immer älter werdende Erwerbsgesellschaft trägt erheblich dazu bei. Nur bei den Muskel- und Skeletterkrankungen steigt die Zunahme der Fehlzeiten von der jüngsten bis zur ältesten Altersgruppe um mehr als das Zehnfache. Für alle anderen betrachteten Erkrankungen zeigt sich ein vom Alter weniger abhängiger Verlauf.

Baden-Württemberg und Bayern am gesündesten
Wo aber ist Deutschland am gesündesten? Wo werden die meisten Medikamente verschrieben und am häufigsten ein Arzt aufgesucht? Welche Branchen sind durch krankheitsbedingte Fehlzeiten am stärksten gekennzeichnet? Sind Frauen und Männer gleich krank? Die muskuloskelettalen Erkrankungen bilden jene Diagnosegruppe, die länderübergreifend die meisten Fehltage auf sich vereint. Zwischen den einzelnen Ländern bestehen jedoch erhebliche Differenzen, auch zwischen den Geschlechtern. Generell ist der Osten „kränker“ als der Westen – eine Folge der Altersstruktur. Baden-Württemberg und Bayern weisen die geringsten Fehlzeiten wegen „Rücken“ auf. Liegt die Anzahl der Fehltage aufgrund dieser Diagnosegruppe in Baden-Württemberg bei 3,3 Arbeitsunfähigkeitstagen je BKK-Mitglied, so ist dieser Wert mit 5,1 Tagen in Sachsen-Anhalt um 55 Prozent höher. Frauen klagen hingegen weniger über „Rücken“ als Männer, während sie allerdings häufiger von psychischen Störungen und Verhaltensstörungen betroffen sind. Hamburg, das insgesamt eher niedrige Fehlzeiten bei den Diagnosegruppen aufweist, liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt bei den psychischen Störungen. Eine mögliche Erklärung könnte der relativ hohe Anteil an Psychotherapeuten in der Hansestadt sein, der – bezogen auf 100.000 Einwohner – fast doppelt so hoch liegt wie im Bundesdurchschnitt. Was den Schluss zulassen könnte, dass das Angebot durchaus einen gewissen Einfluss auf die Art der Störung besitzt. Alles in allem setzt sich aber der Trend der vergangenen Jahre bei den psychischen Störungen fort. Sie nehmen weiter deutlich zu, auch wenn sich beim Burnout eine Kehrtwende abzeichnet.

 

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