Steigern Soziale Medien den Leistungsdruck?

Soziale Online-Netzwerke bestimmen immer stärker Arbeit und Freizeit. Ob Facebook, Xing oder LinkedIn, wer mitreden will, muss mitmachen. Die Nutzung von Sozialen Medien am Arbeitsplatz wird allerdings kontrovers diskutiert. Kritiker glauben, sie lenken von der eigentlichen Aufgabe ab; Befürworter zeigen sich überzeugt, dass Zwitschern und Twittern am Arbeitslatz die Beschäftigten innovativer macht.

Die Diskussion um die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt und die Vernetzung von Arbeitsabläufen und -prozessen ist im vollem Gange. Dabei geht es vor allem um die zentrale Frage, wie die Digitalisierung zukünftig die Arbeit humaner machen kann. Die Signale aus der Wirtschaft sind durchaus widersprüchlich. Laut einer Allensbach-Studie („Arbeit heute und morgen“) sind 56 Prozent der Beschäftigten der Ansicht, dass der Arbeitsdruck in den letzten Jahren gestiegen ist und 81 Prozent vermuten, dass er in den nächsten 10 Jahren weiter zunehmen wird. Dennoch fühlen sich 75 Prozent den Herausforderungen gewachsen. Bereitet sie den Beschäftigten also keine Sorgen?

Dass sie die Arbeitswelt tiefgreifend verändert, unterstreicht auch die Unternehmensberatung Deloitte aus der Schweiz. Mitte September fand in dem Multikultiländle die sogenannte „Work Smart Week“ statt. Der tägliche Gang ins Büro und fixe Arbeitsplätze verlieren demnach an Bedeutung. Zwischen Montag und Mittwoch liegt der Anteil jener, die im Büro des Arbeitgebers arbeiten, bei 69 Prozent. Am Donnerstag sinkt er auf 67 Prozent und am Freitag gar auf 62 Prozent. Gleichzeitig steigt der Homeoffice-Anteil am Freitag auf 16 Prozent. Smart Working, so Deloitte, würde nicht nur gut ausgebildete Fachkräfte anlocken, sondern auch die Bilanz von Unternehmen entlasten. Arbeitsplätze und Büroflächen könnten dank intelligenter Arbeitszeitmodelle effizienter genutzt und Kosten eingespart werden, indem man Homeoffice und Coworking in Kombination mit Hot-Desking anbietet. Die schöne neue Arbeitswelt scheint ausgerechnet in Deutschland ins Stocken zu geraten. Wollten 2013 noch 41 Prozent gerne von zu Hause arbeiten, waren es laut Allensbach 2016 nur noch 22 Prozent.

Unternehmen haben Potenzial von Social Media entdeckt Innovationen, schreibt das Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb, stellen eine wesentliche Quelle für ökonomisches Wachstum dar. Sie bergen allerdings auch wirtschaftliche, soziale und psychologische Risiken. Unstrittig dürfte hingegen sein, dass mit Innovationen die Hoffnung verbunden ist, die Zukunft planend gestalten zu können statt ins Ungewisse zu reisen. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Verheißung und Risiko spiegeln auch die sozialen Plattformen wie Facebook, Twitter, Xing oder LinkedIn wider. Drei Viertel der deutschen Unternehmen nutzen Social Media für interne oder externe Kommunikation. Dabei verfolgen sie unterschiedliche Ziele. Das Spektrum reicht von Kundengewinnung über die Verbesserung interner Kommunikationsprozesse bis hin zu Produktinnovationen, in dem Kunden zu Co-Entwicklern aufsteigen.

Die Zukunftsstudie 2016, die unter der Leitung Prof. Ruth Stock-Homburg an der TU Darmstadt durchgeführt wurde, zeigt zwar, dass ein Großteil der Befragten „Social Media“ als wichtigen Schlüssel zur Steigerung der Effizienz und Innovativität von Arbeitsprozessen sieht, aber das Potenzial nur unzureichend ausschöpft. Die größte Barriere in Unternehmen ist die Angst vor mangelnder Datensicherheit. „In vielen Unternehmen liegen dadurch erhebliche Innovationspotenziale brach“, glaubt Stock-Homburg. Die Untersuchungen der LMU-Soziologin Tanja Carstensen zeigen allerdings ein anderes, weniger positives Bild. Sie glaubt, dass sich die Hoffnungen, die Unternehmen mit Facebook, Xing und anderen Web-2.0-Anwendungen verknüpfen, kaum erfüllt haben. Stattdessen würden sie die Dynamik von Selbstorganisation und Selbst-ausbeutung verstärken sowie einen Wechsel von einer Bring- zur Holschuld vorantreiben. Gleichzeitig wird es für das „human capital“ immer wichtiger, sich digital zu präsentieren, um beruflich erfolgreich zu sein.  „Soziale Netzwerke erleichtern es Unternehmen zudem, Arbeit auszulagern und ihre Strukturen weiter aufzulösen“, glaubt die Soziologin. „Für die Festangestellten steigt damit der Wettbewerb, sie konkurrieren so auch mit den Externen.“ Die neuen Kommunikationsformen erhöhen damit also den Druck. Ob das ein innovationsförderliches Klima schafft, steht in den Sternen. Der Molekularpsychologe von der Universität Ulm, Prof. Christian Montag, dürfte da wohl seine Zweifel hegen. Vor zwei Jahren präsentierte er mit Kollegen die kostenlose App für digitale Diäten, um zu einem nachhaltigen digitalen Lebensstil zu kommen. Inzwischen nutzen wir unser Smartphone im Schnitt drei Stunden am Tag und schauen sechsmal in der Stunde aufs Display, ob die Welt noch da ist. Zeit für eine Diät wäre es. Ließ uns das Smartphone einst schneller und effizienter arbeiten, sagt Montag, raube es heute uns heute die Konzentration beim Arbeiten.