Unternehmen stehen vor einem Kulturwandel

Entlässt die digitale Revolution ihre Kinder? Das vierte ORGATEC-Symposium BÜRO.RAUM. TRENDS., das am 18. November 2015 in Köln stattfand, machte vor allem eins deutlich: Nicht nur die Gesellschaft steht vor einem tiefgreifenden Kulturwandel, sondern auch die Unternehmen müssen ihre Geschäftsabläufe, Organisationsstrukturen und Führungsmodelle den neuen Herausforderungen anpassen, um nicht den Anschluss an die jüngere Generation zu verpassen und die Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. „Schade, es ist Freitag“ präsentierte mögliche Lösungsszenarien und Best-Practice-Beispiele.

Dass Prognosen schwierig sind, besonders wenn sie die Zukunft betreffen, wusste schon der Nobelpreisträger Niels Bohr. Ob der dänische Physiker damit auf Heisenbergs Unschärferelation anspielte, der zufolge man Ort und Bewegung eines Atoms nicht gleichzeitig messen kann, bleibt Spekulation. Unstrittig ist allerdings, dass Aussagen über die Zukunft Menschen seit jeher fasziniert haben, auch wenn sich die meisten düsteren Untergangsszenarien rückblickend als falsch erwiesen haben.

Blick über den Tellerrand
Die Welt dreht sich weiterhin, das Öl sprudelt wie nie zu vor, China ist inzwischen die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und das BIP in Deutschland stieg von 436 Milliarden Euro im Jahr 1972 auf 2,9 Billionen Euro im letzten. Zwar ist der Einstieg in den Ausstieg gelungen, aber die Untergangsszenarien sind noch düsterer geworden. Dr. Annette Seidenberg, Leiterin Marketing und Produktmanagement bei König + Neurath, glaubt dennoch, dass ein Symposium wie BÜRO.RAUM.TRENDS. mit seinem Blick über den Alltag hinaus sinnvoll ist, weil es der gesamten Branche Eckpfeiler liefert, um ihre Arbeit gezielt auf morgen ausrichten zu können. „Gerade der inspirierende Vortrag von Patrick Kenzler und Christian Beinke von der Innovationsagentur Dark Horse hat gezeigt“, so Dr. Seidenberg, „dass wir heute an der Schwelle zu neuen Arbeitsformen stehen, die sogar eine positive Fehlerkultur ermöglichen. In welchem anderen Unternehmen als Dark Horse wird ein „Fehler Award“ verliehen? Fehlermachen gehört aber zur menschlichen Existenz.“ Namhafte Experten aus Industrie, Wirtschaft und Lehre zeigten im Rahmen der Veranstaltung anhand konkreter Projekte, was Menschen motiviert und wie ortsunabhängiges oder mobiles Arbeiten Organisationen und Arbeitsplätze zukünftig verändern wird.

Nur mit Vertrauen gelingt Veränderung
Der Weg vom hierarchischen zum partizipativen Führungsstil dürfte zwar unumkehrbar, aber steinig sein, wie Dr. Hajo Schumacher in seinem Eingangsvortrag erläuterte. Der Wandel, maßgeblich geprägt durch das „digitale Evangelium“ und die Globalisierung der Märkte, betrifft alle Bereiche der Gesellschaft, ob die eigene Biografie oder die Art, wie wir arbeiten. Die Folge sind tiefe Verunsicherung, das Gefühl der Instabilität und disruptive Lebensläufe, weil unsere DNA mit der Beschleunigung einfach nicht mithalten kann. Nichts ist mehr sicher, alles im Fluss. Der homo sapiens tickt, 35 Jahre nach Einführung von PCs in die Büros und trotz Verschmelzung mit Smartphone und Flatrate, immer noch wie ein Neandertaler. Dark Horse glaubt dennoch, dass wir uns von der Arbeitskultur des 19. Jahrhunderts verabschieden müssen, weil Geschäftsmodelle, die ausschließlich auf Effizienz und Sicherheit basieren, nicht mehr funktionieren können. Die Agentur hat sich deshalb gleich eigene „Traumarbeitsplätze“ geschaffen, weil klassische Großraum- oder Einzelbüros keine Orte sind, die innovatives Arbeiten begünstigen. Zudem entwickelt das Startup komplette Raumkonzepte für die Neu- und Umgestaltung von Workspaces, kreiert Arbeitsumgebungen, die individuell auf die Nutzer und ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind. Vertrauen, so Patrick Kenzler und Christian Beinke, ist aber das Kernelement, ohne das der Kulturwandel in Unternehmen nicht realisieren kann. Das sieht die Trendforscherin Birgit Gebhardt ähnlich, die weniger Führung, dafür aber mehr Freiheit fordert. „Führung“, sagt sie, „wird situativer und dezentraler. Dafür brauchen Führungskräfte aber ein neues Selbstbild.“

Change Management muss gelebt werden
Dass wir auch heute noch stärker in der Vergangenheit arbeiten, als in die Zukunft zu blicken, betonte Dr. Craig Knight, Geschäftsführer von Identity Realization Ltd. „Work“, so Knight, „is an activity, not a place.“ Entsprechend sehe die Vielzahl der Arbeitsplätze aus, die zwar Arbeitnehmer produktiver, aber im selben Maße Führungskräfte unproduktiver mache. Da Arbeit stets auch ortsgebunden ist, fordert der Wissenschaftler, Arbeitnehmer die Kontrolle über die Ausgestaltung des Ortes zu überlassen. Das führe erwiesenermaßen zu Produktivitätssteigerungen. „Selbstkontrolle steigert nicht nur die sozialen Kontakte, sondern auch Kreativität, Produktivität und Intelligenz.“ Wie das in der Praxis umgesetzt werden kann, zeigt die Lufthansa, die bereits 2012 das „Workspace Concept“ auflegte. Die von Dr. Pe-Ru Tsen und Jürgen Preute gegebene Antwort auf die Frage „Wie viele Köche braucht man für den leckersten Brei?“ lautet schlicht: Jede Menge, wenn man das Change Management authentisch auf die Mitarbeiter zugeht und jeden Anschein von Scheinpartizipation vermeidet. Beim „Workspace Concept“ geht es in erster Linie um die Gestaltung der Zusammenarbeit und um eine neue Arbeitskultur. „Wir sprechen hier erst einmal nicht über Möbel“, so Dr. Pe-Ru Tsen. Die Gestaltung der Arbeitsumgebung folgt im zweiten Schritt. Rund 2.500 Lufthanseaten durchliefen währender einer Periode von 22 Wochen diverse Workshops, beteiligten sich an Online-Umfragen und entwickelten gemeinsam Konzepte für ihre sogenannten „Homezones“.

Positives Fazit
Insgesamt besuchten rund 200 Teilnehmer das Symposium. Dazu zählten Vertreter aus namhaften Anwenderunternehmen genauso wie Architekten, Büroeinrichter, Planungsgesellschafter, Vertreter der Bau- und Büromöbelindustrie sowie erstmals Entscheider aus dem Personalmanagement. Die Teilnehmer bewerteten den von der Koelnmesse und dem bso Verband Büro-, Sitz- und Objektmöbel e.V. im ORGATEC-Zwischenjahr veranstalteten Expertentreff als überaus gelungen. „Das sehr positive Fazit der Teilnehmer hat gezeigt, dass das Symposium eine optimale Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch, zur fachlichen Weiterbildung und zur Diskussion geboten hat“, bilanzierte Stefan Kokkes, Projektmanager der ORGATEC bei der Koelnmesse GmbH. „Damit hat sich die Veranstaltung als perfekte Plattform erwiesen, um ein in der Arbeitswelt omnipräsentes Thema zu vertiefen und zu erörtern.“