Zertifizierung für den Bürofachhandel

Normieren, standardisieren, prüfen und zertifizieren– wenn Deutschland irgendwo Spitze ist, dann hier. Seit exakt 10 Jahren mischt der Verband Büro-, Sitz- und Objektmöbel e.V. mit dem Label „Quality Office“ im boomenden „Attest-Markt“ mit. Musste das sein oder hält das Label tatsächlich sein Versprechen? Beim Newcomer „raumweltenheiss“ in München glaubt man jedenfalls, dass die Zertifizierung ein Fitness-Programm ist.

Ohne Prüfzeichen, Siegel und Label geht heute nichts mehr. Besonders wir Deutschen lieben „Bapperl“, weil sie uns glauben machen, die Welt sei in bester Ordnung, wären da nur nicht die in schöner Regelmäßigkeit wiederkehrenden Skandale. Das schreckt uns allerdings nicht. In Krisenzeiten verdoppeln wir eher die Prüfanstrengungen, als dass wir ein System in Frage stellen. Das Onlineportal „Label-Siegel“ spricht von mehr als 1.000 Siegeln, die auf Produkten kleben oder Internetangebote auszeichnen. Besonders beliebt sind Zertifikate für Unternehmensführung. So entwickelte das Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland e.V. (IDW) vor sechs Jahren den Prüfungsstandard PS 980, der Mindestanforderungen bei der Einrichtung eines Compliance Management Systems formuliert. Seit 2014 sorgt die ISO 19600 für einen einheitlichen Standard.

Nehmen Labels uns die Entscheidung ab?
Längst mischen Unternehmen im boomenden „Attest-Markt“ mit. Bertelsmann lobt das Siegel „Familienfreundlicher Arbeitgeber“ aus, kununu setzt auf „Top Company“ und der BKK Dachverband vergibt das Zertifikat „Deutscher Unternehmerpreis Gesundheit“ in den Kategorien „Exzellenz“ und „Gute Praxis“ – so viel Wille nach Qualität war nie. Der Erfolg von Labels ist verständlich. Prüfzeichen bieten Orientierung und Sicherheit in einer komplexer, aber immer sensibler werdenden Welt – und nehmen Bürgern, Konsumenten, aber auch Unternehmen die Entscheidung ab, selbst zu prüfen, was gut ist.

Im Büro zählen „Der Blaue Engel“ sowie das „GS“- und „Energy Star“-Zeichen zu den bekanntesten Siegeln. 2006 wagte sich der Verband Büro-, Sitz- und Objektmöbel e.V. in Kooperation mit fünf weiteren renommierten Institutionen auf das weite Zertifizierungs-Feld vor, zunächst mit einem Label für  Produkte und seit 2011 auch mit einem für Berater und Fachhändler. Während bei der Qualifizierung und Zertifizierung von Fachhändlern noch Luft nach oben besteht, wie man beim bso einräumt, ist das Who’s who der Hersteller längst im Boot. Für Peter Feldmann, Systemergonom bei der König + Neurath AG, keine große Überraschung: „Wenn man als Hersteller bei der Entwicklung von Produkten von Anfang an auf Qualität fixiert ist, ist der Zertifizierungsprozess relativ einfach. Ein Händler muss mehr an Zeit und Knowhow investieren.“

Label gibt Impulse nach Innen
Das bestätigt auch Holger Heiss, Gründer von raumweltenheiss. Der Münchner Newcomer investierte Zeit und Geld, um sich mit dem Qualitätszeichen im Markt zu profilieren, aber auch um Unternehmen und Mannschaft noch „fitter“ zu machen. „Ich bin überzeugt“, sagt Holger Heiss, „dass das Prädikat Quality Office die Spreu vom Weizen in der Branche trennt, weil sicherlich nicht jeder Fachhändler die Voraussetzung mitbringt, um zertifiziert zu werden.“ Gleichzeitig war die Ausbildung für ihn ein Stück Mitarbeitermotivation. Das Label ist für Holger Heiss allerdings nicht nur ein Alleinstellungsmerkmal, das den Wettbewerb auf kurz oder lang motivieren dürfte nachzuziehen, sondern vor allem auch ein Instrument, eigene Strukturen und Prozesse von A bis Z auf den Prüfstand zu stellen und zu optimieren. „Die Zertifizierung haben wir auch genutzt“, betont Holger Heiss, „um das Unternehmen optimal aufzustellen.“

Wertvolle Unterstützung erhielt der Fachhändler dabei von der K + N Akademie, die seit Jahren für die Vermittlung eines breiten fachlichen und technischen Wissen auf hohem Niveau steht – von Grundlagenseminaren über „In Räumen denken“ und „Es werde Licht“ bis zu „Gesund arbeiten und gesund bleiben“ reicht das Spektrum. Mit vier Themenworkshops trimmten die K + N-Referenten den Münchener Newcomer, um ihn im Sinne des Quality-Office auf die Qualifizierung vorzubereiten – mit Erfolg.

Anfang August wurde die „raumweltenheiss gmbh“ als erster Fachhändler im Großraum München mit dem Label Quality Office zertifiziert. Für Peter Feldmann ist das Label „Quality Office“ ein wichtiger Indikator für Qualität im Fachhandel. „Wir wünschen uns generell qualifizierte Händler“, sagt Feldmann, „die sich mit aktuellen und relevanten Themen intensiv auseinandersetzen.“ Auch wenn die Marktdurchdringung und der Bekanntheitsgrad von Quality Office noch weiter forciert werden muss, Holger Heiss glaubt an das Siegel: „Ich wünsche mir allerdings, dass der Verband hier noch mehr in Werbung investiert.“ Bezüglich zertifizierter Produkte ist der bso, der demnächst als Industrieverband Büro und Arbeitswelt e. V. (IBA) auftritt, bereits einen Schritt weiter. In etwa 10 Prozent der Ausschreibungen wird das Thema heute schon aufgegriffen.

Auf einen Blick:
„raumweltenheiss“ wurde 2015 von Holger Heiss, 45, gegründet. Nach der Ausbildung zum Schreinermeister absolvierte Holger Heiss das Studium der Innenarchitektur, um anschließend in die Büromöbelbranche einzusteigen. Schon immer gab es bei Holger Heiss den Wunsch, sich selbstständig zu machen. Die 2014 nicht realisierbare Übernahme eines Bürofachhändlers führte schließlich zur Gründung des eigenen Unternehmens. Das ging im Februar 2015 an den Start und arbeitet seitdem mit renommierten Herstellern und 14 Mitarbeitern. Die 400 m2 große Ausstellung ist als „living showroom“ konzipiert, um Kunden live moderne Arbeitswelten zu zeigen. Ein großes „Asset“ des Unternehmens ist die Startup-Mentalität. Kurze Wege, Teamarbeit, Schnelligkeit, Netzwerk-Kompetenz, diese Mischung mache den Erfolg von „raumweltenheiss“ aus. „Ich hatte auch das Glück“, sagt Holger Heiss, „die richtigen Partner auf Lieferantenseite zu haben, aber das größte Potenzial sind die Mitarbeiter.“ Sich selbst und drei Beratern ermöglichte der Netzwerker die Ausbildung zum Office Consultant, eine Voraussetzung für die Zertifizierung als Fachhändler.